Naturkatastrophen und Börsendesaster haben der Versicherungswirtschaft in den vergangenen Jahren schwer zugesetzt. Da eine Flut, dort ein Totalverlust. Das größte Risiko aber, so scheint es, sind offenbar unehrliche Kunden geworden. Der Branchenverband GDV hat jedenfalls dem Versicherungsbetrug nun den Kampf erklärt und sogar eine "Abteilung Kriminalitätsbekämpfung" aufgebaut. Es gehe schließlich um viel Geld: Der jährliche Schaden, schätzt der GDV, soll bei vier Milliarden Euro liegen. Das entspräche knapp drei Prozent der jährlichen Prämieneinnahmen.

Deutschland, einig Betrügerland: Die Medien unterstützten die Story in den vergangenen Monaten wortkräftig. Während das Handelsblatt sein Mitgefühl in die Überschrift Versicherer leiden unter Betrug presste, schaute die Frankfurter Rundschau gleich tief in die Volksseele. "Biedere Bürger", meldete das Blatt empört, "beschummeln die Assekuranz ohne Gewissensbisse." Die Prämien könnten zum Beispiel in der Kfz-Kaskoversicherung um einen zweistelligen Prozentsatz niedriger sein, hieß es unter Berufung auf den GDV weiter.

Besonders viel Verständnis mit dem Versichererverband hat offenbar die Rheinische Post. Die Düsseldorfer haben in ihrer Internet-Präsenz gleich das ganze "Themenspecial" der Branche wörtlich übernommen. "Versicherungsbetrug ist kein Kavaliersdelikt", heißt es dort redaktionell genauso wie auf der Homepage des GDV.

Riesige Datensammlung

Als "hochgradig unseriös" stuft indes Frank Braun, Chef des Bundes der Versicherten (BdV), die Kampagne der Versicherungsbranche ein. "Da wird ein Vorwand konstruiert, um die nächste Prämienerhöhung und eine riesige Datensammelei zu rechtfertigen." Betrug zum Nachteil einer Versicherung müsse selbstverständlich verfolgt werden, sagt der Verbraucherschützer. "Die Versicherer aber bauschen mit fragwürdigen Methoden das Thema so auf, als müsste sich jeder Kunde für seine Schadensmeldung schämen."

Tatsächlich fällt es schwer, die Behauptung vom "Volkssport Versicherungsbetrug" mit Fakten zu unterlegen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für das vergangene Jahr lediglich 8876 Verfahren wegen Betruges zum Nachteil einer Versicherung und Versicherungsmissbrauch (siehe Kasten) aus. Das entspricht rund einem Prozent aller Betrugsverfahren. Vergleichbar viele Verfahren gab es zu Vergewaltigung und sexueller Nötigung (8615) – es würde aber deswegen wohl niemand auf die Idee kommen, vom "Volkssport Vergewaltigung" zu sprechen.

Noch dürftiger wird die Faktenlage, wenn es um Verurteilungen geht. Das Statistische Bundesamt weist Betrug zum Nachteil einer Versicherung nicht getrennt aus, lediglich der "Versicherungsmissbrauch" wird einzeln erfasst. Da nur jedes Zehnte aller Betrugsverfahren zu einer Verurteilung führt, schätzen die Statistiker, dass gerade mal etwa 1000 Personen jährlich wirklich verurteilt werden. Als Massensport eines 82Millionen-Volkes kann man das nun wirklich eindeutig nicht bezeichnen.

Woher aber stammen die Erkenntnisse der Versicherungswirtschaft? Auf Anfrage erklärt der GDV: Die Schätzungen beruhten auf Ergebnissen "einer vor einigen Jahren durchgeführten repräsentativen Umfrage" zum Versicherungsbetrug. Die Ergebnisse seien in Beziehung zu den Schadensaufwendungen in den betroffenen Sparten gesetzt worden, woraus sich die Schadensschätzung ergeben habe.