Gesellschaft Der neue Imperialismus
Intellektuelle diskutieren, wie die globalisierte Weltgesellschaft vor dem Zerfall gerettet werden kann. Ist Amerika in der Lage, eine zukünftige Ordnung zu garantieren?
Dass der Imperialismus noch einmal in Mode kommen würde – und nicht als schamhaft verschleierte Tatsache, sondern als offen diskutiertes Programm –, das hätte man sich kaum träumen lassen. „Imperialismus“ war ein Schimpf- und Schandwort, von der Linken auf die USA gemünzt, die in ihrem lateinamerikanischen Hinterhof Marionettenregime installierten; nie hätten die Vereinigten Staaten selbst ihre Supermachtrolle so beschrieben. „ hat Ronald Reagan die Sowjetunion mit ihrem Satellitensystem genannt; da gehörte der Begriff hin und passte.
Jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, gibt es einen neuen Typus von quasikolonialen Unternehmungen. Afghanistan, Irak, zuletzt Liberia, der fast schon zum Gewohnheitsprotektorat gewordene Balkan – lauter verschiedene Fälle, von der humanitären Intervention bis zum militärischen Besatzungsregime, doch allesamt unter fremder, äußerer Vormundschaft. Bald sind es die Amerikaner, die Aufsicht führen, dann wieder die „internationale Staatengemeinschaft“ in einer ihrer Kürzel-Gestalten als UN, EU oder Nato; „der Westen“ ist immer die letztlich entscheidende Instanz. The white man’s burden, die Sorgepflicht für barbarische Völkerschaften, scheint wieder auf den Schultern jener zu liegen, die sich früher die zivilisierte Welt nannten.
Zugleich ist das Ausmaß der amerikanischen Dominanz grell ins Bewusstsein getreten. Nicht mehr nur die Wirtschaftskraft und die soft power von Hollywood: Neuerdings schaut man wieder auf die Flugzeugträger und Stützpunkte, die den Erdball im Griff halten, in den Fängen des Adlers. Die Journalistin Dana Priest hat in einem Buch über die US-Armee die Militärbefehlshaber der fünf Regionen, in die das Pentagon den Globus aufteilt, als „Prokonsuln des Imperiums“ porträtiert. Ist Washington, was zu ihrer Zeit das kaiserliche Rom oder das viktorianische London waren?
Kurse über das britische Weltreich sind in amerikanischen Colleges plötzlich populär, englische Historiker mit einschlägiger Spezialisierung werden in die Vereinigten Staaten eingeladen, das Empire and Commonwealth Museum in Bristol muss beim Ankauf neuer Sammlungsstücke mit Bietern von jenseits des Atlantiks konkurrieren. Kein verantwortlicher Politiker, auch nicht der notorisch ungenierte Donald Rumsfeld, würde das Wort vom Imperium in den Mund nehmen, nicht einmal das weniger verfängliche Wort von der „Pax Americana“. Doch in intellektuellen Zeitschriften und in Magazinen liest man am laufenden Meter Darlegungen über das Rom am Potomac oder Zehn Regeln, um ein Weltreich zu regieren .
Demokratie ist kein Fertigprodukt
Man kann darin sofort wieder einen Beweis für amerikanischen Größenwahn sehen. Es ist viel eher ein Ausdruck von Problembewusstsein. Die Rede vom Imperium signalisiert Dauer und Ernsthaftigkeit, ein Gefühl für die Last, die eine globale Vormacht tragen muss. Die Verfechter des Irak-Feldzugs haben ihre revolutionären Pläne für den Nahen Osten gern mit den Tyrannenstürzen von 1945 verglichen: Der Irak sollte demokratisiert werden wie Deutschland oder Japan. In Wahrheit, schreibt der Kulturanthropologe und Publizist Stanley Kurtz in der Policy Review, ist nicht Japan das Modell für den besetzten Irak, sondern die britische Herrschaft über Indien. Japan war ein leidlich moderner Staat, industrialisiert und mit einer funktionierenden Verwaltung. Die Militärdiktatur, die während des Krieges herrschte, war keineswegs uralte Tradition; das Land hatte seit langem mit westlichen Regierungsformen experimentiert. Modell Indien heißt, dass alles erst geschaffen werden muss, ein aufgeklärtes Bildungswesen, eine unabhängige Justiz, eine regierungsfähige Elite. Die demokratische und nationale Selbstbestimmung steht am Schluss, nach einer langen Lehr- und Probezeit.
Wie ehrlich oder verlogen diese koloniale Fortschrittspädagogik auch sein mag: Ein Imperium zu haben ist etwas völlig anderes, als irgendwo regime change zu betreiben, Diktaturen abzuschaffen oder dem Terrorismus eine Heimstätte zu nehmen. Der Imperialist muss mit kulturellen Differenzen leben, mit fremder Leute „Sitten und Bräuchen“; er erfährt sehr schnell, dass sich die Welt nicht einfach nach dem Modell von Westminster oder Washington umbauen lässt. Er verändert das kolonisierte Land, aber das Land verändert auch ihn. Going native, „zum Eingeborenen werden“, nannten die Engländer die Mimesis ans Exotische, die nach einem halben Leben in Übersee eintreten mochte. Imperialismus ist ein anspruchsvolleres Projekt als die schlichte Idee, Demokratie wie ein Fertigprodukt zu exportieren oder gleichsam im Haustürverkauf von politischen Handelsvertretern vorbeibringen zu lassen, die dann sofort weiterreisen. In manchen amerikanischen Selbstermahnungen zur Weltmachtgröße steckt auch ein Selbsterziehungsprogramm, eine Kulturkritik eigener Provinzialität und Oberflächlichkeit: Von der Couch in die Wüste, so wird der Mann wieder zum Mann.
Im Auftrag des Weltgewissens
- Datum 28.08.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.08.2003 Nr.36
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