Integration Ghetto im Kopf

„Türkisch-Katernberg“ nennen die Deutschen den Essener Stadtteil. Die Türken sagen „Klein-Chicago“. Hier ziehen sich viele in ihre eigene Welt zurück

Essen

Mehmed Tufan ist 31 und lebt seit seinem vierten Lebensjahr in Deutschland. Er hat einen Job als Dachdecker, ein eigenes Häuschen mit Garten, einen leichten Ruhrpott-Akzent und lauter, wie er sagt, „deutsche Nachbarn“. Hinter dem alten Bergarbeiterhaus, in einer mit Efeu überwachsenen Laube, serviert er Tee aus türkischen Gläschen. Er zündet sich eine Zigarette an, lehnt sich zurück und sagt: „Klar gibt es Mentalitätsunterschiede zwischen Türken und Deutschen. Die Türken sind gastfreundlicher und warmherziger. Wir halten fester zusammen.“ Seine Freunde Ismail und Mustafa nicken. „Der deutsche Nachbar drüben“, sagt Mehmet Tufan, „ist immer noch nicht verheiratet. Wir sagen ihm immer, er soll sich doch mal eine Frau suchen. Alleine leben ist doch scheiße.“

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Deswegen, unter anderem, haben sich Mehmed, Ismail und Mustafa ihre Frauen aus der Türkei geholt.

Auf dem Weg zum Katernberger Markt im Norden von Essen rasselt die klapprige Straßenbahn vorbei am Förderturm der Zeche Zollverein. Die beiden großen Räder an der Spitze der markanten Backsteinstreben stehen seit 1986 still. Seitdem ist Katernberg das, was man ein Problemviertel nennt. „Türkisch-Katernberg“ nennen die Deutschen den Stadtteil. „Klein-Chicago“ sagen die Türken. In manchen Straßenzügen leben 46 Prozent der Bewohner von Sozialhilfe. 25 Prozent der Einwohner sind Ausländer, und in den nächsten fünf bis sechs Jahren, hat die Stadt Essen errechnet, werden über die Hälfte der unter 21jährigen Katernberger aus nichtdeutschen Familien stammen. Hier lässt sich besichtigen, warum die erste Generation der so genannten Gastarbeiter noch immer nicht ganz in Deutschland angekommen ist. Und warum sich ihre Kinder und Enkel häufig nicht so integrieren, wie sich deutsche Politiker das wünschen.

Die junge Türkin auf der Einkaufsstraße trägt kein Kopftuch, sondern eine schicke Sonnenbrille. Keinen langen Rock, sondern ein enges T-Shirt und eine knielange Khakihose. Recht integriertes Outfit also. Aber auf die Frage, warum sie keinen deutschen Pass wolle, antwortet die 26-Jährige erstaunt: „Damit sehe ich doch immer noch aus wie ’ne Kanake.“ Nee, nee, sagt sie, „ich bleib mal lieber bei den Türken.“

Integration? In Katernberg scheint sie im Großen und Ganzen gescheitert zu sein. Hier hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten eine Parallelgesellschaft entwickelt, in der Türken Türken bleiben und die Deutschen Deutsche sein lassen. Vor 30 Jahren, im Dezember 1973, verfügte die Regierung Brandt im Angesicht der Ölkrise einen Anwerbestopp für ausländische Arbeitskräfte. Heute, eine Generation später, leben 2,6 Millionen Türken in Deutschland. 700000 von ihnen besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft.

Nicht obwohl, sondern weil die meisten Türken schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben, sind viele Berührungspunkte mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft verloren gegangen. Aus den ersten einsamen Gastarbeitern sind längst Großväter geworden, mit Familiennachzug, Kindern und Enkeln. Zwei Drittel der in Nordrhein-Westfalen lebenden Türken, ergab eine Umfrage des Essener Zentrums für Türkeistudien in 1000 Haushalten, wollen nicht mehr in die Türkei zurückkehren. Und doch fühlen sich viele Migranten (37 Prozent) vor allem mit der Türkei verbunden, deutlich weniger hingegen mit Deutschland (27 Prozent). Das gilt auch für diejenigen, die in Deutschland geboren sind und das Herkunftsland ihrer Familie nur aus dem Sommerurlaub kennen.

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