New York

Gott segne euch für euren noblen Einsatz“ steht auf dem handgemalten Stück Karton neben dem Besuchereingang des UN-Gebäudes. Ein paar welke Blumen und eine Hand voll Trauerkerzen in der brütenden New Yorker Sommersonne erinnern an die Opfer des Anschlags von Bagdad. Mindestens 23 Mitarbeiter der Vereinten Nationen sind in Bagdad ums Leben gekommen, gut hundert wurden verletzt. Im 33. Stockwerk des UN-Hochhauses sitzt der Schock noch tief. „Das Ausmaß der Überraschung war sehr groß“, sagt Danilo Türk, Assistant Secretary-General für politische Angelegenheiten der UN. „Wir hatten gehofft, dass die UN-Mission im Irak nach und nach ein positives Image erzeugen würde.“

Doch allmählich weicht der Schock einer Art Trotzreaktion. „Unsere Arbeit geht weiter“, rief UN-Generalsekretär Kofi Annan am Samstag den Reportern am Flughafen von Rio de Janeiro zu, wo er eine Trauerfeier für den getöteten UN-Gesandten Sergio de Mello besuchte. Am Wochenende verkündeten die ersten humanitären Helfer und der Kinderhilfsfonds, dass sie ihre Arbeit wieder aufgenommen hätten. Dann folgte eine Serie von peinlichen Fragen: War die UN selbst zu naiv gewesen, als sie auf Stacheldraht und schweren militärischen Schutz verzichtete? Hatte sie vergessen, dass viele Iraker bis heute die Vereinten Nationen für die Boykotte gegen ihr Land verantwortlich machen? Waren in Wahrheit die Amerikaner und Briten verantwortlich, denen die Sicherheitslage im Irak zu entgleiten droht? Man hätte „eigentlich gedacht, dass die Koalitionstruppen das Umfeld für uns sichern würden“, wetterte Annan.

Doch die ersten, wenigstens politischen Schüsse als Reaktion auf die Anschlagswelle feuerten die Franzosen ab. Die Sicherheitskrise im Irak, ist aus der französischen Delegation zu hören, sei nur durch mehr Aufgabenteilung in der Staatengemeinschaft zu lösen. In Le Monde forderte Außenminister Dominique de Villepin persönlich, dass die US-geführte Übergangsverwaltung in eine „echte provisorische Regierung umgewandelt“ werden solle, dass die „Besatzungspolitik“ zu enden habe und noch in diesem Jahr Wahlen ausgerufen werden sollten.

Diese Position gefiel in anderen Hauptstädten der UN-Sicherheitsratsmitglieder. „In der außenpolitischen Elite Russlands haben die Schwierigkeiten der Amerikaner Schadenfreude ausgelöst“, sagt der Irak-Experte des Moskauer Carnegie-Zentrums Alexej Malaschenko. „Sogar proamerikanische Politiker sind erleichtert, dass die USA nicht allein zurechtkommen in der Welt.“ Im Moskauer Außenministerium rechnen sich Diplomaten eine gewachsene Verhandlungsmasse aus: Die Ausweitung des UN-Mandats im Irak sei nur das taktische Ziel; in Zukunft wollten die Russen eine größere diplomatische Rolle als Mittler bei allerlei internationalen Sorgenfällen spielen.

Kofi Annan verkündete nach einem Gespräch mit dem britischen Außenminister Jack Straw in New York, dass man künftig „nicht nur von der Lastenteilung, sondern auch vom Teilen der Entscheidungen und Verantwortung“ reden müsse. Zeit für Revanchen. „Die Amerikaner waren noch nie so anfällig“, sagt ein New Yorker Politikbeobachter, „es ist ein hervorragender Moment, Druck auszuüben“.

Die Fratze der Invasoren