Afrika – Kontinent der KindersoldatenMinderjährige kämpfen an allen FrontenZEIT-Grafik

Es ist noch früh am Morgen in Monrovia. General Scarborough wirkt völlig verschlafen, seine Augen sind verklebt. "Sie sind Tiere!", knurrt er und deutet auf die andere Seite der Brücke, die die Landzunge von Westpoint mit dem Festland verbindet. "Sie reißen ihren Gegnern die Herzen aus dem Leib und fressen sie." Drüben, da lagert Black Diamond, die Chefin einer Rebellenmiliz. Sie wird am nächsten Tag sagen: "Das sind doch Bestien, diese kleinen Jungs! Sie vergewaltigen 10-jährige Mädchen und schmieren sich das Blut von Jungfrauen auf die Stirn."

Wenn sich die Todfeinde auf der Mitte der Gabriel Tucker Bridge von Angesicht zu Angesicht begegnen würden, könnten sie in ihr eigenes Spiegelbild schauen. Hier das Lumpenmilitariat von Präsident Charles Taylor, das sich Regierungsarmee nennt, dort die verwahrlosten Horden der Rebellen, beide in der gleichen Kampfkluft, beide gleich grausam, beide gleich jung. Wenn sie in ihren Fantasieuniformen, wild um sich schießend, durch die Straßen rennen, mutet das an wie ein Karneval des Todes.

Manche dieser Kämpfer und Kämpferinnen haben gerade einmal das Schulalter erreicht. Sie führen einen Krieg der Kinder. Ihre Zerstörungswut hat Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, in einen Vorhof der Hölle verwandelt. Daran hat auch die Unterzeichnung eines Friedensvertrages nichts ändern können. Anfang der Woche sollen Rebellen im Landesinnern wieder Massaker verübt haben, die Rede ist von 1000 Toten.

Saufgelage in der Nacht, der General ist verkatert

"Ich kommandiere 10.000 Mann", protzt Scarborough. Man nimmt ihm das genauso wenig ab wie die Angabe zu seinem Alter. 18 Jahre alt ist er nach eigenem Bekunden. Sein jungenhaftes Gesicht lässt eher an einen 15-Jährigen denken. Auch seinen richtigen Namen will er nicht verraten, Scarborough, das müsse genügen.

Der General ist noch ziemlich verkatert von dem Gelage in der vergangenen Nacht. Er trägt ein Stirnband, nagelneue Nike-Sneakers und ein weißes T-Shirt. An einer Kette um seinen Hals baumelt eine Damenarmbanduhr, die Goldbeschichtung ist stellenweise abgeblättert. Offenbar will Scarborough gerne aussehen wie ein martialischer Clan-Chef aus der New Yorker Bronx, aber er ist, wenn überhaupt, nur dessen billige afrikanische Kopie. Er schiebt eine abgegriffene Kassette in seinen Ghettoblaster, HipHop aus Amerika. Scarborough braucht das zur allmorgendlichen Dröhnung, ehe es wieder so weit ist und er in die nächste Schlacht zieht.