Minuswachstum Hochkonjunktur für Billigrezepte und Krisenhype Die Selbstheilungskräfte des Marktes

Ist Deutschland in der Rezession? Während die Experten sich noch darüber streiten, hat sich die Popkultur schon längst auf die Vermarktung des Minuswachstums gestürzt

Das Wort klingt unangenehm, schon wegen der vielen Zischlaute. Aber seit Mitte August müssen wir damit leben. Da verkündete der Vizepräsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Professor Ullrich Heilemann, »rein technisch« sei Deutschland nun in der Rezession angekommen. Die Definition lautet: Wenn das Bruttoinlandsprodukt zwei Quartale in Folge schrumpft, nennt man das Rezession. Der Schrumpfungsprozess war mit einem Rückgang von 0,1 Prozent so geringfügig, dass man ihn auch als Stagnation deuten könnte.

Doch was macht das für einen Unterschied? Die gefühlte Rezession ist schon lange da – und folglich nun auch in der Popkultur auf dem Vormarsch.

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Seiner Zeit weit voraus war der Hamburger Sänger Bernd Begemann mit seiner 1993 erschienenen LP namens Rezession, Baby! Aus der aktuellen wirtschafltichen Not macht die Band Wir Sind Helden eine Tugend, indem sie in ihrem Song Guten Tag singt: »Ich kauf nichts mehr, ich will mein Leben zurück.« Nicht zuletzt dank dieser Konsumverweigerungshymne stieg ihr Debut-Album Die Reklamation sofort in die Top 10 ein (und das auch noch quasi im Selbstverlag, jedenfalls ganz ohne die Hilfe einer dieser vielen notleidenden Plattenfirmen).

Gute Musik könnte vielleicht auch die Stimmung der »Duppies« aufhellen, jener »Depressed Urban Professionals«, wie neuerdings amerikanische Medien jene »deprimierten Berufstätigen« bezeichnen, die einst in der Computer- und Finanz-Branche hoch bezahlt waren, inzwischen aber nach langer Arbeitslosigkeit schlecht bezahlte Jobs annehmen müssen.

Dabei gibt es immer noch, wie zu Zeiten der New Economy, verblüffende Start-ups: Lukasz Gadowski erfand und verkauft T-Shirts mit dem Aufdruck »Rezession 2003 – Ich war dabei«. Das klingt schwungvoll, als habe man an einer Olympiade teilgenommen oder eine Flutkatastrophe überlebt. Zu haben ist das topaktuelle Motiv bei Gadowskis Leipziger Firma Spreadshirt auch auf Schlüsselbändern, Kaffeetassen, Baseballkappen.

»Rezession ist gut fürs Geschäft«, sagt Gadowski – und zwar nicht nur, weil sich die Rezessionsmotive so gut verkaufen. Sondern auch, weil das Geschäftsklima derzeit so ruhig sei, »dass ich mein Studium abschließen konnte«. Personal, Lieferanten, Konkurrenz – alle handzahm. »Während der Glanzzeit der New Economy hätten sofort drei Nachahmer mit venture capital unsere Idee kopiert.« So aber hat Gadwoski, 26, nun die Note 1,7 in seinem Betriebwirtschaftsdiplom stehen.

Und bezeugt seine Idee nicht geradezu schulbuchmäßig die wunderbaren Selbstheilungskräfte des Marktes? Nur auf den ersten Blick handelt es sich bei »Rezession 2003« um Galgenhumor. Auf den zweiten Blick hat das Motiv auch etwas Tröstliches.

Was man auf ein T-Shirt schreiben kann, das stellt keine wirkliche Bedrohung dar. Das gehört schon so weit zum Mainstream, dass man sich damit ohne weiteres auf die Straße trauen kann.

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