arbeitsmedizin Leidende Angestellte

Wenn der Arbeitsdruck wächst, nehmen auch psychosomatische Erkrankungen zu. Ein Blick in die Fabriken täglicher Stressproduktion

Ruhe. „Lasst mich endlich in Ruhe! Den ganzen Tag über erwische ich mich bei dem Gedanken.“ So stöhnt ein Erfolgreicher; ein Bankmanager. „Eigentlich war ich immer aktiv und gesellig“, grübelt er. „Aber jetzt nervt mich jeder Anruf, jeder Termin, und zu Hause fühle ich mich wie der Krimi-Kommissar, dessen Ehefrau beim Abendessen sagt: ,Hey, wo bist du? Hörst du mir überhaupt zu?‘“

Mit ihrem Betriebsklima sind zwei Drittel aller Beschäftigten unzfrieden. Manche ärgern sich krank

Mit ihrem Betriebsklima sind zwei Drittel aller Beschäftigten unzfrieden. Manche ärgern sich krank

Ausgebrannt, leer, ohne Antrieb: Die große Müdigkeit, die den sonst so engagierten Mittvierziger befallen hat, ist keiner Midlife-Crisis geschuldet. Vielmehr wehrt er damit einen Druck ab, der seit Jahren nicht mehr stoßweise anfällt, sondern chronisch; eine neue, bohrende Intensität, ja Totalität, mit der die Arbeit immer mehr Lebenszeit fordert, immer tiefer in die Innenwelt dringt. „Es hört nie auf“, erklärt der Banker seinen Rückzug in die Lustlosigkeit. „Du schuftest immer länger, aber auch danach drehen sich die Aufgaben weiter im Kopf.“ Und im Magen drücken „Seelenschmerzen“, wie der Bedrängte sein „Dauergefühl“ angespannter Überforderung nennt.

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Ein typischer Fall. Solche Seelenschmerzen spüren keineswegs nur Führungskräfte wie er, sondern zunehmend Berufstätige in fast allen Hierarchiestufen und Branchen. Seit Beginn der neunziger Jahre, als Marktliberalisierung, Privatisierung und Rationalisierung sich zu überschlagen begannen, belegen Studien eine auffällige Zunahme psychomentaler und sozialer Belastungen in der Arbeitswelt. So ergab eine Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Jahr 1999, dass über die Hälfte der deutschen Erwerbstätigen häufig oder ständig unter hohem Termin- und Leistungsdruck rackert. Knapp sechs Millionen Menschen, ein Fünftel der Beschäftigten, gaben an, sie müssten im Job meist oder immer bis an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit gehen. Seither hat sich der Konkurrenzdruck am Arbeitsmarkt noch verschärft: Ob private Banken oder Staatsbetriebe, ob Bayer, Siemens, Telekom, Post und Bahn, ringsum werden zigtausendfach Stellen gestrichen.

Kein Wunder, dass sich laut jüngeren Befragungen bereits 60 Prozent der Beschäftigten in technischen und verwaltenden Berufen ständig überbeansprucht fühlen. Der DAK-Gesundheitsreport 2002 registrierte innerhalb von vier Jahren eine Zunahme der Krankheitstage aufgrund „psychischer Störungen“ um 50 Prozent. „Um unter globalen Konkurrenzbedingungen wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagt der Berliner Sozialwissenschaftler Ulf Kadritzke, „werden die Unternehmen zu Fabriken der täglichen Stressproduktion.“

Man könnte all dies als subjektive Äußerungen deutscher Wehleider abtun und einwenden, den Feiertagsrekordlern könnte etwas mehr Druck gar nicht schaden. Wer sich gestresst fühlt, sei eben mental falsch gepolt oder schlecht organisiert; er sollte halbtags arbeiten oder mit Yoga entspannen. Doch so simpel lässt sich das Problem nicht lösen. Wenn Globalisierung, Rationalisierung und Rezession überall im Lande Produktionsanlagen und Büros unter Druck setzen, stoßen individuelle Strategien an Grenzen. Ein ökonomischer Umbruch, „ähnlich gravierend wie zu Beginn der industriellen Revolution“, führe nicht nur in der Gesellschaft zu Anpassungsproblemen, sondern bei jedem Einzelnen, sagt der schwedische Arzt Töres Theorell.

Das gilt international. Französische Arbeitsmediziner beobachten bei dauergestressten leitenden Angestellten einen „pathologischen Anwesenheitsdrang“. In den USA grassiert die hurry sickness. Und in einer europaweiten Befragung, der Dublin-Studie, klagten sechs von zehn Europäern über knappe Fristen und rasendes Arbeitstempo. Dieses Gerenne und Gejage, das heute immunologisch implosiv meist im Sitzen und im Kopf stattfindet, verursacht hohe Kosten. Wer dauerhaft unter Strom steht, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit krank: Dann herrscht auch Hochdruck im Blutkreislauf, die Hektik schlägt auf den Darm, die Anspannung in Nacken und Rücken.

Tatsächlich berichten Arbeitsmediziner, dass Verspannungen, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen zunehmen. Schon bei 30-jährigen Bildschirmhengsten diagnostizieren sie Morbus Crohn, Tinnitus oder Burn-out. „Manche Leute kommen in mein Büro und brechen schon bei der Frage nach ihrem Befinden in Tränen aus“, berichtet die Organisationsentwicklerin und Betriebsärztin Marianne Engelhardt-Schagen. „Das haben wir früher so nicht erlebt.“

Niemand will Schwäche zeigen

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