Ostalgie Honis heitere Welt

Das Unterhaltungsfernsehen verklärt die DDR. Anmerkungen zu Wohl und Wehe der Ostalgie

Am 3. Oktober 2000 hatte ich in Ankara zu reden. Thema: Das ostdeutsche Befinden. Man befindet sich nicht recht ostdeutsch in Ankara, also sprach ich über Geschichte: dass man sie weder verlieren noch verlassen könne. Frei seien Völker, die es wagten, auch die Nachtseiten ihrer Chronik aufzuschlagen. Im deutschen Buch stünden für immer die Juden. Im türkischen die Armenier und die Kurden auch. – Stille. Dann erhob sich ein würdiger Türke und klagte, solche Worte passten nicht zum Feiertag, schon gar nicht vom Abkömmling eines Staates, der Kornelia Ender umgebracht habe.

Wie bitte?

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Kornelia Ender, die berühmte Schwimmerin. Ermordet, von Ihrer DDR. Sprechen Sie bitte darüber!

Aber… Das stimmt nicht. Das wüsste ich doch. Sie lebt!

Sehen Sie, sagte er betrübt, ich dachte es mir. Sie geben es nicht zu. Und was die Armenier betrifft – damit haben wir nichts zu tun. Das waren doch die Osmanen. Wir sind Türken, Kinder Atatürks. Aber Sie haben Kornelia Ender ermordet.

Der Schreck. Seit ewig hüte ich ein Autogramm in mädchenhafter Kringelschrift: Herzlichen Gruß, besten Dank und alles Gute für Dich sendet Kornelia Ender. Die Karte, frankiert mit grünem Ulbricht-Kopf, kam aus Bitterfeld und trägt den Stempel des 7. November 1972. Da war das Wunderküken 14 und schwamm einer lichten Zukunft entgegen, genau wie Jung- Honeckers DDR. Von der eigenen Jugend war auch noch nichts verbraucht. Sport fesselte, die Haare wehten, die Musik drehte auf, im Kino lief demnächst Heiner Carows Legende von Paul und Paula und feierte die unbedingte Liebe. Stasi, Doping, Sportmissbrauch durch einen Bodybuilding-Zwerg mit Namen DDR – das alles stand noch dahin, wie Biermanns Rauswurf, der Massenexodus gen Westen, der alltägliche Zynismus der Bleibenden und reichlich Erfahrung mit dem Champignonprinzip: Wer den Kopf raussteckt, dem wird er abgeschnitten.

Dies nur mal nebenbei. Derzeit blüht ja eine andere DDR: Honis heiteres Absurdistan, dessen selig erinnernde Ex-Insassen, Rotkäppchen-trunken, Arkadiens gedenken: Was haben wir damals gemacht? Geackert, geliebt und gelacht. Saure Wochen, frohe Feste, von Kap Arkona bis zum Fichtelberg. Und wenn’s mal was nicht gab – man wusste sich zu helfen, mit goldenem Herzen und bastelnder Hand, nicht wie im Westen, wo das Geld regiert. Prost, Kamerad, auf unser Spezielles! Die Besten waren wir nie, die Schönsten bleiben wir doch.

Man mag der aktuellen DDR-Beschwurbelung begegnen, wie man will – einen Segen hat sie schon gestiftet: Kornelia Ender lebt. Hübsch, resolut und durchaus unermordet saß sie in der Ostalgie-Show des ZDF, mit Begeisterungsgequietsch bewillkommt vom Ossi- Moderatorenduo Andrea Kiewel (früher gleichfalls Schwimmerin) und Marco Schreyl. Nie sei ihr die Stasi begegnet, hatte Frau Kiewel der Berliner Zeitung gestanden. In ihrer Verwandtschaft habe es weder Dissidenten noch Verfolgte gegeben. DDR, das sei nicht nur Diktatur gewesen, trotz „Dingen“, die hätten „nicht sein müssen“. 14 Jahre nach dem Mauerfall dürfe man sagen: „Ich bin im Spreewald groß geworden, und da war nicht alles Scheiße.“

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