Ostalgie Honis heitere WeltSeite 4/4
Kein gewesener Staat ist besser dokumentiert als die DDR. Trotzdem ändert sie sich ständig, weil wir, ihr Gedächtnis, nicht bleiben können, die wir waren. Jedes Erinnern ist ein heutiger Akt, aber heute wird nicht für immer entschieden. Morgen erinnern wir uns anders. Das Gewesene ist voller Möglichkeiten. Was für eine Show.
Wird denn jetzt wirklich die DDR mythisiert? Der wahre Mythos ist doch die eigene Jugend. Die einen feiern, was sie liebten, die anderen, dass sie’s glimpflich überstanden haben. So oder so: Ostalgie beendet eine Enteignung. Sie beharrt auf persönlicher Geschichte, auf unverkürzter Biografie. Den Doktrinen der Großhistorie ruft sie ein heiteres Aber zu. Dumm wird Ostalgie, wenn sie Ironie und Individualität verliert, wenn sie selber doktrinär wird, lügt und tüncht und Kollektiv-Identität behauptet, wo das einzelmenschliche Gewissen sprechen musste. Autoritäts-Sehnsucht, Stasi-Vergessenheit, Blauhemd-Partys, das ist dumme Ostalgie. Genauso dämlich ist es, Schnatterinchen, Täve Schur und den Palast der Republik mit Hannah Arendt zu bekämpfen. Seid bereit zur Verteidigung der Heimat! Es lebe Kornelia Ender!
- Datum 28.08.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.08.2003 Nr.36
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