Jedes noch so mausetote Kinogenre hat im Zuge des mehr oder weniger ironischen Recyclings seinen Weg zurück auf die Leinwand gefunden. Im Feuerschutz der fröhlichen Dekonstruktion darf sich der Westerner alle Jahre wieder in den Sattel schwingen, und angesichts des äußerst erfolgreichen Comebacks des Serien-Schlachterfilms vor einigen Jahren möchte man fast von einem reflektierten Zustechen sprechen. Solange er die Regeln des Genres augenzwinkernd zitierte und gleichzeitig unterlief, durfte der Mann mit unheimlicher Maske und blitzendem Messer ganz ungehemmt seinen Hass auf weiße amerikanische Teenager ausleben. Selbst anachronistische Sandalenhelden wie der Gladiator ließen sich nicht zuletzt dank technischer Finessen wieder für die Leinwand mobilisieren.

Nur die Fahne mit dem Totenkopf steht seit ewigen Zeiten auf Halbmast, die zahlreichen Rehabilitierungsversuche des Piratenfilms endeten alle im finanziellen Fiasko. Eine Tatsache, der sich der Regisseur Gore Verbinski mit luzidem Selbstbewusstsein stellt, wenn er seinen Freibeuter gleich in einer der ersten Einstellungen von Fluch der Karibik fast absaufen lässt. Auf einem mickrigen leckgeschlagenen Schiff fährt Johnny Depp als Captain Jack Sparrow in den Hafen der Engländer ein, erst im letzten Moment kann er sich mit einem behenden Sprung auf den Steg retten. Sozusagen auf Landwegen wird sich hier wieder einem Genre genähert, mit einem Helden, dem sein wichtigstes Spielzeug genommen wurde. Konsequent legt Johnny Depp seinen Kapitän als schräge Reliquie einer versunkenen Hollywood-Epoche an.

Mit der tuntigen Geschraubtheit seiner Sprache, dem abgespreizten kleinen Fingerchen, blinkenden Goldzähnen, Rüschchen-Hemden und den Kajalbalken unter den Augen wirkt sein Pirat wie eine Mischung aus barockem Lebemann und abgehalftertem Rock ’n’ Roller. In Interviews verkündete Depp, er habe seinen Herrn der sieben Meere als Keith-Richards-Parodie angelegt. Tatsächlich scheint Jack Sparrow die Ozeane mit einsamen Inselverstecken voller Rumvorräte zu überziehen, verrät sein Auftreten die ausgebuffte Müdigkeit eines Mannes, der alles gesehen und mitgenommen hat. Die Planken seines Schiffes, der Black Pearl, werden für diesen Althippie zur Bühne, auf der er noch einmal zur Hochform aufläuft und allen zeigt, dass er den Anschluss keineswegs verloren hat.

Johnny Depp ist der Gimmick, den Gore Verbinski einem ironiesüchtigen Publikum zum Fraß vorwirft, das in diesem Sommer wahrscheinlich auf alles andere als einen grimassierenden Piraten gewartet hat, sich in den Staaten aber bereits in eine wahre Freibeuterhysterie hineinsteigerte. Im Fahrwasser seines anarchistischen Helden kann sich Fluch der Karibik nämlich einen gewissen Wertkonservatismus leisten, der die klassischen Genresehnsüchte liebevoll befriedigt. Verbinskis Film erzählt die große Schmachtromanze zwischen einem britischen Gouverneurstöchterchen und ihrem tapferen Retter, einem einfachen Schmied. In der Rolle des aufrechten Will Turner besitzt Orlando Bloom den kühnsten Blick, die aufgeblähteste Brust und die schönste Beinarbeit seit Douglas Fairbanks. Ohnehin gewinnt Fluch der Karibik den Säbelduellen des Genres einige hübsche Choreografien ab. Hier springt man noch ganz wacker aus dem Stand auf Tische, hechtet über verdutzte Esel, schlägt Purzelbäume im Heu und ficht ausgiebig in ungeschnittenen Einstellungen.

Trotz seines Bekenntnisses zum Altmodischen, zu knarrenden Planken, aufgeblähten Segeln und windzerzausten Haaren, gelingt Verbinski die Synthese von Genreklassik und digitalem Brimborium. Seine Computertechniker verbannt er ins Gespenstereckchen, wo sie aus verfluchten Piratenmannschaften knöcherne Wiedergänger basteln. Das Digitale bekommt hier keineswegs das Primat über die Textur des Films, die nach wie vor aus Enterhakenarmen, Augenklappen, dicken Ohrringen und Dukatenbörsen besteht. Zwar ist Fluch der Karibik ein gewaltiges Stück zu lang geraten, doch mindert dies kaum die Freude an der Rekultivierung eines brachen Kinoterrains, an der ungebrochenen und irgendwie rührenden Fetischisierung des Abenteuerfilms. Es hat etwas Beruhigendes, dass ein versunken geglaubtes Genre auf der Leinwand einfach so mit neuem Wind davonsegeln kann.