Thessaloniki/Elbasan

In der griechischen Hafenstadt Thessaloniki zeigt das Thermometer auch am späten Abend noch 27 Grad. Milena ist müde. Seit zwölf Stunden schon streift sie durch die beliebten Restaurants am Athonosplatz. Sie versucht, den Gästen kleine Heiligenbilder zu verkaufen. Milena ist neun Jahre alt. Woher sie kommt, wo ihre Eltern sind, möchte sie nicht sagen. "Sie hat Angst", erklärt Arina*, eine 26-jährige Diplompsychologin, die im Auftrag einer griechischen Hilfsorganisation Straßenkinder in Thessaloniki betreut.

Die Kinder sind nicht freiwillig hier. Die meisten stammen aus Albanien. Sie werden zur Arbeit gezwungen. Am Athonosplatz machen sich an diesem Abend ein gutes Dutzend an die Touristen heran. Etwa 1000 albanische Kinder streifen allein durch Thessaloniki, schätzte die britische Organisation Save the Children im vergangenen Jahr.

800 Euro "Ablöse" gibt es – für eine Tochter

Bis zu 100 Euro am Tag erwarten die Hintermänner von jedem Kind. Sie sorgen für saubere und gepflegte Kleidung. "Das ist ihre neue Strategie", kommentiert Arina. Noch vor kurzem wirkten die Kinder verwahrlost. Einige mussten regelmäßig Haarshampoo trinken, damit sie krank wurden und vor allem krank aussahen. Das half beim Betteln. Doch erregte ihr Zustand auch öffentliche Aufmerksamkeit, und so etwas war schädlich fürs Geschäft. Und das wollen sich die "Bosse" nicht verderben lassen. So werden die Kinder besser eingekleidet, aber mit Druck und Schlägen zum Schweigen gezwungen. Eine Kollegin von Arina erhielt sogar Morddrohungen.

Die brutale Taktik ist erfolgreich. Konkrete Zahlen fehlen ebenso wie detaillierte Informationen über die Hintergründe. Doch werden nach vorsichtigen Schätzungen der renommierten Schweizer Stiftung terre des hommes pro Jahr mehr als 3000 Kinder aus dem Süden Albaniens nach Griechenland geschleust. Ein Großteil von ihnen stammt aus Elbasan. Die Bezirkshauptstadt mit ihren 80000 Einwohnern, in der die Arbeitslosigkeit etwa 60 Prozent erreicht, liegt 50 Kilometer südlich von Tirana.

In Elbasan ist die 15-jährige Vilma* bereit, ihre Geschichte zu erzählen. Es ist die Tragödie einer verkauften Kindheit. Als Vilma vier Jahre alt war, schmuggelte ein Nachbar sie zum ersten Mal nach Griechenland. Sie musste betteln. Zwölf Stunden am Tag, zwei Jahre lang. Der Stiefvater wurde an den Einnahmen beteiligt. Im Alter von sechs Jahren griffen die griechischen Behörden sie auf und schickten sie nach Hause. Doch immer wieder musste Vilma zurück nach Thessaloniki. Mal ging es in tagelangen Fußmärschen direkt über die Berge, mal mit einem Umweg über das nahe Makedonien. Kinder, die unterwegs zu erschöpft waren, um weiterzugehen, wurden einfach zurückgelassen.

Vilma erzählt vom Leben mit den 14 Stiefgeschwistern in der Zweizimmerwohnung und spricht von ihrem Traum, Sängerin zu werden. Dann berichtet sie von der Stiefschwester, die der Vater an diesem Morgen nach Italien verkaufte. Umgerechnet 800 Euro "Ablöse" habe er dafür kassiert. Die 23-jährige Frau war erst im letzten Dezember zu ihrer Familie zurückgekehrt, nachdem sie schon vier Jahre in einem Bordell in der Nähe von Rom gearbeitet hatte. Beim ersten Mal wurde sie von einem Cousin geraubt und verkauft. Damals ging der Vater leer aus.