Ein hochtouriges Schnellboot, das bis zu 40 Passagiere laden kann, braucht für die nächtliche Überquerung der Adria nur eine gute Stunde. Etwa 1000 Euro kostet ein Platz. Am Zielort zahlen die lokalen Zuhälter dann je nach "Marktwert" zwischen 4000 und 10000 Euro für eine Frau. Ein EU-Visum ist auf dem Schwarzmarkt für gut 2500 Euro zu haben. Save the Children gibt die Zahl der albanischen Prostituierten in Westeuropa mit etwa 30000 an. Nach Auskunft der belgischen Polizei waren im vergangenen Jahr knapp die Hälfte aller Ausländerinnen, die in Belgien zur Prostitution gezwungen wurden, albanische Mädchen im Alter von 14 bis 15 Jahren. Auch drei weitere Stiefschwestern von Vilma sind schon nach Italien geschmuggelt worden. "Natürlich" arbeiten sie ebenfalls als Prostituierte. Eine der jungen Frauen ist inzwischen verschwunden. Von einem drei Monate alten Baby, das der Vater bereits vor sechs Jahren für umgerechnet 800 Euro nach Griechenland verkauft hatte, fehlt ebenfalls jede Spur. Alle Angaben werden von Vincent Tournecuillert bestätigt. Im Auftrag von terre des hommes Lausanne kümmert sich der Bretone um die von Ausbeutung bedrohten Kinder in Elbasan. Zumindest versucht er das. Es sind sehr viele Kinder, die Hilfe brauchen. Zur "Handelsware" gehören auch Mädchen und Frauen aus anderen osteuropäischen Staaten wie Moldawien, Rumänien und Bulgarien sowie Kurdinnen, Iranerinnen und Afghaninnen. Albanische Zuhälter sind selbst in dieser Szene wegen ihrer rücksichtslosen Brutalität gefürchtet. Es gibt Gerüchte über spezielle "Abrichtungslager", in denen die Frauen durch systematische Vergewaltigungen auf den Markt "vorbereitet" werden. Um ihre Entschlossenheit zu unterstreichen, ließen die "Bosse" angeblich sogar einige Frauen exekutieren.

Einem ähnlichen Schicksal soll Vilma entgehen. Vincent Tournecuillert bemüht sich, ihr einen Schulabschluss zu ermöglichen. Im Alter von acht Jahren war Vilma von ihrem "Boss" sexuell missbraucht worden. Darüber reden kann sie nicht. Sie hat es mithilfe eindeutiger Zeichnungen mitgeteilt, erzählt Tournecuillert. Er fürchtet, dass auch Vilma nach Italien verkauft werden könnte, und er ist sich nicht sicher, ob er das verhindern kann. Als das Mädchen vor Monaten wegen der anderen erlittenen Verbrechen Anklage erheben wollte, wurde sie von den albanischen Polizisten geschlagen. Das Monatsgehalt eines Beamten liegt bei 120 Euro. Eine "normale" fünfköpfige Familie braucht im Monat etwa 400 Euro. Die Differenzsumme zahlen in nicht wenigen Fällen die "Bosse".

Albanien liegt zwar in Europa, bildete aber 45 Jahre lang eine Welt für sich. Bis 1991 war es unter einer stalinistischen Diktatur erstarrt. Auch nach der Wende und vor allem nach dem chaotischen Zusammenbruch des Staates 1997 traf das Elend vor allem wieder diejenigen, die auch schon vorher am Rande der Gesellschaft standen. Menschen, die wegen mangelnder Bildung oder – wie die Minderheit der Roma – wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit unterprivilegiert waren und sind. Ihr Schicksal spiegelt sich in den Elendsvierteln von Elbasan. Die Mietskasernen sind so verrottet, dass ihre Treppen wegen der Einsturzgefahr von nur jeweils einer Person betreten werden dürfen.

Die erzählten Geschichten ähneln einander. Es gibt Kinder, die geraubt oder von den Eltern verkauft und vermietet wurden und werden. Es gibt Kinder, die froh sind, wieder zurück zu sein, und Kinder, die freiwillig lieber wieder im Ausland betteln wollen, als weiter in dieser Trostlosigkeit zu leben. Dazu gibt es Väter, die eher ihre Nachkommen als den obligatorischen Fernseher verkaufen; Väter, die den Beinamen "Rakiri" tragen, weil sie dem billigen Schnaps verfallen sind; Väter, die ihre Stieftöchter schwängern und dann nicht für die Kinder – die Enkelinnen und Töchter zugleich sind – sorgen können. Und es gibt Mütter, die hilflos und überfordert Lügengeschichten erzählen, weil sie das Unrecht spüren, das sie ihren Kindern antun; Mütter, die vor Glück weinen, weil sie ihre Kinder wiederhaben, und kurz darauf verzweifelt schluchzen, weil sie nicht wissen, wie sie dieselben großziehen sollen.

"Jeder in der Stadt weiß Bescheid", erklärt Robert Stratoberdha, Leiter der vorwiegend von Unicef finanzierten NFP, einer albanischen Organisation, die sich um die sozialen Belange von Minderjährigen kümmert. Die staatliche Sozialhilfe ist völlig ungenügend und beträgt für eine vierköpfige Familie etwa 30 Euro im Monat. Ein Kind kann in Griechenland an einem einzigen Tag dreimal so viel "verdienen".

In der Hauptstadt Tirana leitet Arni Jashralli, ein Mann von Anfang 50, seit dem vergangenen Jahr eine neu geschaffene Polizeibehörde, die ausschließlich den Handel mit illegalen Gütern bekämpfen soll. Dazu zählen neben Autos, Drogen, Waffen und Kunstschätzen auch Menschen. Jashrallis Arbeit steht für die zaghaft wachsenden Bemühungen der albanischen Regierung, die Probleme anzugehen. Tirana kann den Druck des Auslands nicht länger ignorieren.

Die Erfolge sind vorerst dürftig. Bis heute gibt es nach Aussage von Natasha Pepivani, der zuständigen Direktorin im Sozialministerium, keine staatlichen Maßnahmen, die sich gezielt mit sozialen Problemen und Folgen des Kinderhandels auseinander setzen. Offizielle Statistiken und verlässliche Daten kann auch sie nicht bieten. "Wir stehen erst am Anfang", räumt Polizeidirektor Jashralli ein. Er wirkt hilflos. Aber er will die "Probleme entschieden angehen". Es ist fraglich, ob das Vilmas Generation noch erreicht.