schule Mit Anstand unterrichten
Allerorten werden Benimm-Programme für deutsche Schüler gefordert. Eine Schule in Jena zeigt, dass es auch anders geht
Jetzt reicht’s! So geht das nicht weiter! Deutsche Schüler sind das Letzte. Sie haben weder Anstand noch Benimm und lassen jede noch so penibel vorbereitete Unterrichtsstunde im Chaos enden. Doch jetzt werden andere Saiten aufgezogen. Schluss mit dem Schlendrian im Klassenzimmer. Die Schule wird zur Besserungsanstalt.
Seit Wochen traktieren Medien und Politiker die Schüler mit Moralpredigten. Selbst in den großen Ferien wurde allseits die neue deutsche Ungezogenheit beklagt, und Kultusminister aller Couleur profilierten sich mit sittenstrengen Gegenmaßnahmen. Den Anfang machte Bremens Bildungssenator Willi Lemke (SPD). Via Bild- Zeitung beklagte er die fehlende Höflichkeit der Schüler und forderte von den Mädchen der „Generation bauchfrei“, ihre „Reizwäsche“ für die Disko zu reservieren und ordentlich gekleidet zum Unterricht zu kommen. Da wollte sein saarländischer Amtsbruder, Bildungsminister Jürgen Schreier (CDU), nicht nachstehen und kündigte den Jugendlichen seines Landes flugs ein Benimm-Training an, Motto: „Aller Anstand ist schwer“. Im Baukastensystem sollen ihnen künftig Themen wie „grüßen“, „ausreden lassen“ oder Pünktlichkeit nahe gebracht werden.
„Man merkt, die Lehrer halten zusammen“, sagen die Schüler
Richtig so, rufen da die Bundesbürger. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap befürworten 77 Prozent der Deutschen ein eigenes Unterrichtsfach für Benehmen, Höflichkeit und Ordnung in der Schule. Die Anstandsoffensive erinnert ein wenig an Eltern, die es lange im Guten mit ihren nervenden Kindern versucht haben, verständnisvoll und tolerant – bis ihnen am Ende der Kragen platzt. Dann brüllen sie los oder ziehen das Handy ein. Egal, ob solche Maßnahmen nun sinnvoll sind oder nicht, egal, was die moderne Erziehungslehre dazu sagt: Hauptsache, man lässt sich das nicht länger gefallen.
Studien, die zeigen, wie es wirklich um das Benehmen deutscher Schüler bestellt ist, gibt es keine. Die Debatte wird eher von individuellen Eindrücken und Klagen gespeist. Ihm hätten Lehrer erzählt, dass Schüler vor ihnen auf den Boden rotzten, einer sei sogar mit „du Hurensohn“ beschimpft worden, berichtet Willi Lemke von seinen Touren durch die Bremer Schulen. Und der Präsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeber, Dieter Hundt, beklagt, die Schulabgänger würden oft nicht einmal die einfachsten Regeln des Zusammenlebens kennen.
Doch sind eigens ersonnene Benimm-Programme wie im Saarland dazu geeignet, den Sittenverfall umzukehren? Vieles spricht dafür, dass ein diktierter Anstandskanon in den Schulen so viel bewirkt wie das Toben eines genervten Vaters am Abendbrottisch – bestenfalls gar nichts, schlimmstenfalls Trotz. Kinder werden ja auch nicht plötzlich deshalb zu rücksichtsvollen Wesen, weil ihre Eltern mit ihnen eine halbe Stunde am Tag Benimm üben.
Viele Pädagogen halten daher wenig von Benimmunterricht. „Das darf nichts Aufgesetztes haben, es muss so natürlich wie möglich sein“, sagt zum Beispiel die Schuldirektorin Barbara Wrede aus Jena. Wrede sollte es wissen: Wurde doch ihre Lobdeburgschule, eine Haupt- und Realschule im Jenaer Plattenbauviertel Lobeda, im vergangenen Jahr vom Bund Deutscher Arbeitgeber mit einem Bildungspreis für „Werteerziehung“ ausgezeichnet. Hier, so sollte man annehmen, wird also ganz besonders auf Höflichkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit geachtet, auf jene Tugenden also, deren Fehlen die Unternehmen beklagen.
Doch von Knigge-Training ist an der Lobdeburgschule nichts zu spüren. Es herrscht ein eher gelassener, freundlicher Umgangston. Im Eingang der Schule verkündet ein Plakat das Motto „Miteinander leben lernen“, die Klassenzimmer sind mit Teppich ausgelegt, an den Wänden hängen sorgfältig gerahmte Schülerbilder. Man spürt, dass die Schüler hier das Gefühl bekommen, ernst genommen zu werden. Die Türen stehen zum Teil offen, man sieht Schüler, die konzentriert arbeiten – auch ohne Aufsicht. „Wo ist denn eure Lehrerin?“, fragt Rektorin Wrede ins Zimmer der 5b. „Mal kurz telefonieren“, ruft ein Schüler und vertieft sich wieder in seine Aufgaben. Ein paar Türen weiter muss Lehrerin Katrin Wittek nicht nur ihre Klasse im Blick behalten, sondern auch den Raum nebenan, in dem selbstständige Freiarbeit auf dem Programm steht. Ist es nicht schwierig, 50 Kinder gleichzeitig unter Kontrolle zu halten? „Nein“, lächelt Wittek, „kein Problem.“
- Datum 04.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.09.2003 Nr.37
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