Falls es so etwas gibt wie das zentrale Rädchen im großen Getriebe Deutscher Bundestag, dann dreht es sich in Raum 1.207 des Jakob-Kaiser-Hauses an der Dorotheenstraße 100. Hier sitzt, hinter einer hellen Holztür, Regierungshauptsekretär Dirk Kolter, ein unauffälliger Mann in Jeans und Polo-Shirt. Zu ihm kommen all die Boten der Fraktionen, Ausschüsse und Ministerien, des Kanzleramts und des Bundesrats. Was nicht durch diese Tür getragen wurde und durch Kolters Hand gegangen ist, existiert nicht im parlamentarischen Betrieb.

Gesetzentwürfe und Beschlussempfehlungen, Anträge, Änderungsanträge und Entschließungsanträge, Große Anfragen und Kleine Anfragen und Antworten auf Große und Kleine Anfragen – jede Vorlage schiebt Kolter, 32, unter eine Stempeluhr und registriert – klack! – minutengenau den Eingang. Jedes Dokument blättert Kolter durch, er prüft, ob Gerhard Schröder oder Angela Merkel oder der Staatssekretär von Renate Künast auch vorschriftsmäßig unterschrieben haben. Dann setzt sich Dirk Kolter an seinen Computer und tippt den Titel der Vorlage in eine Datenbank mit dem vielsagenden Namen "Sysivus" ein – "System zur integrierten Vorgangsverfolgung und -steuerung". Vollautomatisch wird eine Zahl vergeben; aber damit auch garantiert keine Drucksachennummer doppelt belegt ist, notiert Kolter die Vorlage zusätzlich in einem abgewetzten, orangefarbenen Schnellhefter: Antrag Heinrich L. Kolb u.a. der FDP-Fraktion, "Entlastung kleiner und mittlerer Betriebe durch Abbau bürokratischer Regelungen im Sozialrecht", Drs-Nr. 15/1484.

Eine Drucksache ist in der Welt, eine Initiative geboren. In den vier Jahren einer Legislaturperiode geschieht das gut zehntausendmal. Den Mittwoch in Sitzungswochen nennen Kolter und seine 18 Kollegen vom Parlamentssekretariat ihren "Großkampftag". Da tagen bis zum Abend die Ausschüsse, deren Beschlussempfehlungen, oft Dutzende an der Zahl, vor Mitternacht geprüft, nummeriert, korrigiert, gedruckt und in die Postfächer aller Abgeordneten verteilt sein müssen, damit noch am Freitag im Plenum über sie abgestimmt werden kann.

Gesetze, am besten schnell, schnell

Im Herbst wird es viele "Großkampftage" geben. Rot-Grün hat sich wieder einmal zu Reformeifer entschlossen. Teil III und IV der Hartz-Vorschläge, Vorziehen der Steuerreform, Gemeindefinanzen, Rente, Sozialhilfe, Gesundheits- und Pflegeversicherung – alles muss in Gesetzesform gegossen werden, am besten schnell, schnell. Kolter wird Überstunden machen, aber für jede Vorlage akkurat den Auftrag an die Druckerei ausfüllen, beides in eine Mappe legen, die dann im "Aktenbock", einem Schränkchen direkt neben der Tür 1.207, darauf wartet, dass Boten sie in die Tiefen des parlamentarischen Räderwerks tragen. Erst in die Druckerei, dann in die Ausschüsse und Unterausschüsse, die Fraktionen und ihre Arbeitskreise, in den Ältestenrat und vielleicht irgendwann ins Plenum, drüben im ehrwürdigen Reichstagsgebäude; auf jeden Fall aber auf die Schreibtische der 603 Abgeordneten.

Es ist ein Heer von Helfern, das dafür sorgt, dass die Politiker Politik machen können. Irgendjemand muss ja Protokoll schreiben. Jemand muss die 55 Sitzungssäle täglich neu verteilen und den gelegentlichen Streit darum schlichten. Jemand muss die 5498 Büros reinigen und die kilometerlangen Flure. Jemand muss die 11382 Telefonanschlüsse warten. Jemand muss in Sitzungswochen morgens, Schlag 6 Uhr, die Anwesenheitslisten für die Abgeordneten auslegen und sie um 22 Uhr wieder einsammeln. Jemand muss die Diäten auszahlen, Lufthansa-Meilen verbuchen, die Rede für das Parlamentariertreffen in Teheran übersetzen.

Das Organigramm der Bundestagsverwaltung ist in winziger Schrift gedruckt und hat doch das Ausmaß eines Kinoposters. In den 3 Abteilungen, 12 Unterabteilungen und 82 Referaten arbeitet ein Volk von Ministerialdirektoren, Oberamtsräten, Oberwerkmeistern, Werkmeistern und Polizeihauptmeistern, von Angestellten und Arbeitnehmern – insgesamt 2478 Menschen, doppelt so viele wie in der französischen oder der britischen Parlamentsverwaltung. Zählt man die Referenten der Fraktionen und der Abgeordneten hinzu, sind es mehr als 5000 Leute, die in dem Viertel zwischen Wilhelmstraße und Kanzleramt, zwischen Spreebogen und Unter den Linden routiniert und nahezu geräuschlos die Fließbänder der Politikfabrik am Laufen halten.

Oberster Maschinist ist Wolfgang Zeh, der Direktor beim Deutschen Bundestag. Die Unterstellung, seine Verwaltung sei professioneller als die Abgeordneten, würde er vehement zurückweisen. "Wir dienen!", betont er. Seine Arbeit sei vergleichbar mit der eines Tagungsservice, "als müssten wir jede Woche einen riesigen Psychologenkongress organisieren". Zeh gilt als einer der besten Parlamentsrechtler Deutschlands, kann begeistert erzählen von der Kunst der "gleitenden Verweise" beim Formulieren von Gesetzentwürfen. Aber wenn zum wiederholten Male bei Franz Müntefering Wasser ins nagelneue Büro plätschert, läuft der Direktor höchstpersönlich hinüber in den Flügel 2 des Jakob-Kaiser-Haus und kümmert sich.