Haltung annehmen Verrenkte Proleten

In der Mode spiegelt sich die Befindlichkeit einer Gesellschaft. Zurzeit herrscht ein Ausdruck von Bitterkeit und Klassenkampf

Das modische Mädchen von heute ist leider noch immer sehr dünn. Es trägt seine Magerkeit aber nicht selbstbewusst zur Schau, sondern hängt mit verdrehten Beinen auf dem Sofa, als sei es krank. Wenn man den Mannequins und Fotografen der Magazine glauben kann, gehört es zur Kleidung dieses Sommers, dass sie mit einer gewissen Depression getragen wird, zumindest mit allen Zeichen der Erschöpfung nach einer schrecklichen Party. Die Frisur ist durcheinander, das T-Shirt wurde aus zwei verschiedenfarbigen Lumpen zusammengenäht. Sogar das Cocktailkleid steht mit tausend Zipfeln vom Körper ab wie das gesträubte Fell einer erschrockenen Hyäne.

Manchmal krabbelt das Mädchen auch wie ein Kleinkind über den Teppich oder hat sich seltsam eckig an einer Wand zusammengekauert. Der Rock ist aus bockigem Leder und mit Nieten bedeckt, die wahrscheinlich beim Sitzen schrecklich drücken würden. Wenn das Mädchen aufsteht, hängen die Arme steif von den hochgezogenen Schultern herab, als habe tiefe Ratlosigkeit von ihm Besitz ergriffen. Liegt es daran, dass die Hose von so vielen Bändern, Schnallen, gerafften Tunnelzügen gehalten wird, dass sie wie eine Allegorie der Konfusion aussieht? Unmöglich, denkt sich das Mädchen, lässt sich das alles jemals wieder lösen.

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Es ist nämlich nicht unerheblich, in welcher Bewegung oder Körperhaltung die Mode einer Epoche vorgestellt wird; in gewisser Hinsicht liefert die Körperhaltung überhaupt erst die Erklärung einer Bluse oder Hose, die für sich allein, etwa im Laden, völlig unverständlich blieben. Vor allem sind heute die eckigen Bewegungen, die verdrehten Gliedmaßen, die traurig gesenkten Gesichter unerlässlich, um dem Missverständnis vorzubeugen, dass mit Schlaghosen, nabelfreien Tops und anderen Zitaten aus dem Siebziger-Jahre-Revival noch der heitere Optimismus der Ursprungsepoche verbunden wäre. Die Spaßgesellschaft ist, will man die Mannequins zu Zeugen nehmen, gründlich vergangen. Der Existenzialismus der sechziger Jahre kehrt zurück.

Dem Mädchen gegenüber im selben Raum, aber durch Abgründe der Stummheit getrennt, ist von derselben Party ein Mann übrig geblieben, dem es nicht viel besser geht. Er hat die Weste falsch geknöpft; aber selbst wenn er sie richtig zugemacht hätte, würde sie unglücklich sitzen; sie ist nämlich zu klein. Das Hemd schaut darunter vor wie die Flügel bei einem Marienkäfer, die dieser nach der Landung nicht mehr richtig unter den Flügeldecken verstaut hat. In früheren Jahren hätte man das leger genannt, von Freizeit, Entspannung und anderen Lügen erzählt. Heute arbeiten die Modefotografen hart an einem Ausdruck von Bitterkeit, fast könnte man von Gesellschaftskritik sprechen.

Früher prägte das Militär die Mode, heute ist es der Sport

Rundrücken, X-Beine, schiefe Schultern: Es ist nicht mehr der Heroin-Chic, es ist eher eine Mode der Haltungsschäden. Auch sie könnte zu düsteren Diagnosen Anlass geben. Aber Mode, wie jede Kunst, bezieht sich nicht nur auf die Gesellschaft, sondern mehr noch auf sich selbst und sucht den Kontrast zu der voraufgegangenen Epoche. Nach der glamourösen Zeit der Schönen, Gesunden und Glücklichen gibt es eine ironische Freude am beschädigten Leben, am Look der Depression. Bei näherer Betrachtung besteht diese Freude vor allem im Nachweis, dass sich sogar die Depression als Look gestalten lässt, was nichts anderes heißt, als dass sich überhaupt alles in Mode verwandeln lässt.

Das ist kein moderner Zynismus. Schon in früheren Jahrhunderten folgten auf Moden des Stolzes und Prunkes, des kriegerischen und tätigen Lebens entgegengesetzte Moden der Introversion, der romantischen Einsamkeit und frommen Bekümmerung. Schauen wir uns die Schillerkrägen an, die weit geöffneten, spitzenumsäumten Hemden des schwärmerischen Werther-Jünglings oder, 50 Jahre später, die schüchtern lispelnden Biedermeierjungfern, die mit gesenktem Köpfchen den jüngsten Roman von Jean Paul lesen, der so etwas wie die Rosamunde Pilcher der Goethe-Zeit war (nur am Erfolg gemessen, nicht an der Qualität).

Beide Moden, der Werther- wie der Biedermeierzeit, waren Moden des stillen Sitzens oder Aus-dem-Fenster-Schauens, der Sehnsucht und schmerzlichen Entbehrung. Aber dazwischen lag die starke, wilde und bewegungsfrohe Mode der Napoleon-Zeit, wo alle Männer wie Offiziere aussahen und die Frauen weite, fließende Kleider trugen, in denen sie rasch und lebhaft ausschreiten konnten. Der Kontrast der Körpersprache konnte stärker kaum sein. Nicht nur sollte der Mann in Directoire und Empire den Kopf nicht träumerisch senken, sondern er konnte es auch gar nicht, weil ein gewaltiger Stehkragen das Kinn nach oben drückte. Gern hielt er sich sehr aufrecht, die Hände im Rücken, das Gesicht in die Ferne wie auf ein Schlachtfeld gelenkt, und weil Stiefel nahezu immer Pflicht waren, hätte er auch tatsächlich jederzeit einrücken können. Seine Frisur war eine Sturmfrisur, mit nach vorn und in die Stirn gewehten Locken, denn der Wind der Geschichte trieb ihn dem Sieg entgegen.

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 04.09.2003 Nr.37
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  • Schlagworte Adidas | Jean Paul | Mode
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