Türken Von den Latinos lernen
Die deutschen Türken sollten sich Amerikas Einwanderer zum Vorbild nehmen
Die Nummer eins und die Nummer drei der Weltwirtschaft haben demnächst wichtige Wahlen. In den USA wird im nächsten Jahr ein neuer Präsident gewählt. Und die Deutschen bestimmen im Juni 2004 ihre Volksvertreter für das neue mächtigere Europaparlament.
In beiden Ländern leben große ethnische Minderheiten, die wahlbestimmend sein können. In Amerika sind die mittlerweile 13 Prozent „Hispanics“ oder „Latinos“ die größte Minderheit, noch vor den sich als „African-Americans“ bezeichnenden Schwarzen (ungefähr 12 Prozent). Um ihre Stimmen liefern sich Republikaner wie Demokraten eine heiße Schlacht.
Das Gegenteil trifft für Deutschland zu: Um die über zwei Millionen Türken und die mehr als eine halbe Million türkischstämmigen Deutschen reißt sich trotz steigender Einbürgerungszahlen keine Partei. Stattdessen könnte eine Kampagne gegen EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zum Wahlkampfschlager der Union bei der Europawahl 2004 werden. Und die Sozialdemokraten, die bislang am meisten von der Gunst türkischstämmiger Wähler profitiert haben, halten sich bedeckt.
Die ersten türkischen Einwanderer kamen 1961 in die Bundesrepublik, nach dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen. Die Latinos hingegen ließen sich schon viel früher in den USA nieder. Trotzdem haben beide Minderheiten bis heute ähnliche Probleme: mangelnde Sprachkenntnisse, vor allem bei Neueinwanderern (aber nicht nur); Schwierigkeiten in der Schule. Viele von ihnen sind nur gering qualifizierte Arbeitnehmer im Kleingewerbe oder in einfachen Beschäftigungsverhältnissen; es herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit, und es gibt ein statistisch nicht erfasstes Heer von Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus. Dem gegenüber stehen die Erfolgsgeschichten einer wachsenden Zahl von Akademikern und Unternehmern – am bislang eher negativen Bild der Einwanderer aber konnten auch sie nichts ändern.
Woran also liegt es, dass Amerikas Präsident George W. Bush im Radio Ansprachen auf Spanisch hält, während ein deutscher Bundeskanzler, sollte er auf die Idee kommen, Türkisch zu sprechen, wahrscheinlich sofort den Vorwurf der Kapitulation vor den osmanischen Invasoren auf sich ziehen würde? Warum ist es im Deutschen Bundestag bislang fern jeder Vorstellung, Türkischkurse für Mitarbeiter von Abgeordneten anzubieten, die Wahlkreise mit einem hohen Migrantenanteil vertreten? Im US-Kongress sind Spanischkurse inzwischen eine Selbstverständlichkeit.
Noch immer gilt unter Wahlkämpfern in Deutschland die eiserne Regel: Mit einer integrationsfreundlichen Politik lassen sich Wahlen verlieren – aber niemals gewinnen. Die Kampagne gegen die so genannte doppelte Staatsbürgerschaft verhalf nicht nur dem hessischen Christdemokraten Roland Koch bei den Landtagswahlen Anfang 1999 zu einem fulminanten Wahlsieg, sie zwang auch die rot-grüne Bundesregierung, mit kühnen Plänen wie dem neuen Staatsangehörigkeitsrecht vorsichtiger zu sein. Deutschland ist noch nicht so weit. In konservativen Kreisen gilt die einfache Maxime: Der Appell an niedere Instinkte hilft, eigene Wähler zu mobilisieren. Die Klage über mangelnde „Anpassung an deutsche Sitten und Gebräuche“ lohnt sich offensichtlich mehr als die Werbung um neue Wähler unter den Migranten. Aber würde es sich für Christdemokraten und Christsoziale überhaupt rentieren, stärker auf die Türken zuzugehen? Ein Blick auf die Latinos in den USA könnte Aufschluss geben.
George Bush spricht „Spanglish“, sobald er Latinos vor sich sieht
Auf den ersten Blick läge eine politische Nähe der Latinos zu den US-Demokraten auf der Hand; etwa wenn es um den Erhalt der vergleichsweise bescheidenen Wohlfahrtsprogramme geht, um den Ausbau des öffentlichen Bildungswesens oder um die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Aber warum stimmten dann bei den Präsidentschaftswahlen 35 Prozent von ihnen für George W. Bush?
- Datum 04.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.09.2003 Nr.37
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