Mexikaner, aufgepasst: Die "Zerstörer" kommen. Okay, es ist nicht ganz klar, warum sich die 16 jungen, friedlich dreinblickenden Radfahrer aus dem kanadischen Vancouver die "Zerstörer" nennen. Aber jedenfalls fahren die Jungaktivisten des Umweltschutzbundes Sierra Club schon seit Juli von Nord nach Süd durch Amerika. Beim Erscheinen dieser Ausgabe wollen sie die mexikanische Grenze überquert haben – um pünktlich zur Tagung der Welthandelsorganisation WTO am 10. September in Cancún ihre Räder anzuketten und die Transparente auszurollen. Gemeinsam mit Tausenden anderer Globalisierungskritiker, die sich in dem Touristenparadies angekündigt haben.

Die Protestaktionen sind längst Routine, die Argumente seit den Zusammenstößen bei der WTO-Tagung von Seattle im Herbst 1999 bekannt. In den streng bewachten Verhandlungssälen behaupten die Ritter der Liberalisierung, für Arbeitsplätze, Investitionen und den allgemeinen Wohlstand zu kämpfen: "Hinter Wirtschaftswundern", erinnerte kürzlich die Weltbank, habe stets "die Öffnung der Märkte für Handel und Wettbewerb gestanden".

Draußen auf der Straße dagegen gilt den Demonstranten das Ereignis von Cancún als der "bislang größte Versuch, die Völker der Dritten Welt den Multis auszuliefern". Und den wollen sie verhindern. "Unser Ziel ist erreicht, wenn dieses Ministertreffen nichts zustande bringt", sagt Walden Bello, Chef der Organisation Focus on the Global South in Bangkok und einer der Sprecher der Antiglobalisierungsbewegung.

Es könnte ein leichter Sieg werden. Seit Monaten stecken die Vorverhandlungen für das Treffen in Cancún fest. Und das trotz aller vollmundigen Versprechen der Industrieländer, die Handelsregeln im Sinne der Entwicklungsländer zu ändern.

Zwar wollen seit vergangenem Wochenende nach langem Bremsen selbst die USA die Arzneimittel für sehr arme Länder vom Patentschutz ausnehmen; auch Aidskranke südlich der Sahara könnten dann an erschwingliche Medikamente kommen. Zwar haben sich Europäer und Amerikaner mittlerweile auf eine vage, gemeinsame Verhandlungsstrategie zum Abbau einiger Agrarsubventionen geeinigt. Aber die meisten Handelsexperten deuten dies als reine Stimmungsmache, kaum mehr als einen Beweis des guten Willens. "Dabei sind die Agrarmärkte der Kern der gesamten Verhandlungen", so die Einschätzung des früheren WTO-Chefs Peter Sutherland, heute Chairman der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs in London.

Tatsächlich möchten etliche Entwicklungsländer die Gespräche gar nicht erst beginnen, wenn die USA und die Europäische Union die Subventionen für ihre Landwirte nicht deutlich abbauen. Es könnte also sein, befürchten Regierungsbeamte dies- und jenseits des Atlantiks, dass die Tagung in Cancún ein teures Happening mit wohl klingender Schlusserklärung wird – aber ohne echte Ergebnisse.

Womöglich ist das sogar von manchen gewollt. Denn die traditionelle Welt der Handelsdiplomaten, die multilateralen Verhandlungen, verliert immer mehr an Bedeutung. Von Jahr zu Jahr wächst die Zahl bilateraler Abkommen, die direkt zwischen einzelnen Ländern geschlossen werden. Und längst machen regionale Freihandelszonen der weltweit operierenden WTO heftig Konkurrenz.

Beispiel USA: Mit der Free Trade Area of the Americas (FTAA) wollen sie bis zum Jahr 2005 einen Freihandelsverbund schaffen, der von Feuerland bis Alaska reicht (ZEIT Nr. 33/03). Das ambitionierte Projekt erweitert die bereits bestehende nordamerikanische Freihandelszone Nafta, die inzwischen einen Großteil des Handels zwischen den nordamerikanischen Ländern regelt. Doch andere Regionen der Welt sind auch nicht faul. Der asiatische Verbund Asean wirbt aktiv um neue Mitglieder, und auch die EU erlebt gerade einen Wachstumsschub. Einen "Dominoeffekt" nennt das der Genfer Wirtschaftprofessor Richard Baldwin. Inzwischen gibt es kaum ein Land der Erde ohne die Mitgliedschaft in einem solchen Club: Stolze 159 Freihandelszonen sind bei der WTO inzwischen gemeldet, über die Gründung von 70 weiteren wird gerade verhandelt.