serbien Lärm, der süchtig macht
Im serbischen Guca treffen sich jeden Sommer die besten Blechblasorchester des Landes und spielen um die Wette
Mal klingt es wie das Husten eines klapprigen Ofenrohrs, dann wie das ungestüme Gehupe in der Rush-Hour südeuropäischer Metropolen. Und immer schwingt ein Hauch von Melancholie mit, als gehe es um die tragische Versöhnung mit dem schweren Leben. Der Lärm von Guca. Er empfängt einen bereits am Ortsschild, kriecht dann bis in die Zehenspitzen und bestimmt fortan den Rhythmus. Nur nachts, für zwei, drei Stunden, verschwindet er. Bis zum »Wecken der Trompeter« um sieben Uhr in der Frühe. Dann ertönt ein mächtiger Böllerknall, und schon ist er wieder zurück.
Dreieinhalb Stunden fährt man von Belgrad in Richtung Süden, bis die Region Dragacevo erreicht ist. Einst wurde der Landstrich »die kleine Schweiz« genannt, der grünen Hügel und der guten Luft wegen. Seit Jahr und Tag leben die Leute hier vor allem von der Landwirtschaft, die Himbeeren aus der Region sind weit über die Grenzen Serbiens hinaus beliebt. Aber um Himbeeren zu essen, reist man nicht in die zentralserbische Provinz. Man reist hierher wegen des Versprechens, das dieser ganz spezielle Lärm birgt.
Bier und Rakija trinken, tanzen, Spanferkel essen, wieder trinken
Guca liegt unten im Tal. 3000 Einwohner, zwei Hauptstraßen, ein paar einfache Straßencafés, ein kleines, marodes Fußballstadion, eine Kirche, eine Tankstelle. Alles ganz normal eigentlich.
Gäbe es da nicht dieses Festival. Immer im August treffen sich beim Dragacevski Sabor Trubaca die besten Blechblasorchester Serbiens. Und nicht nur sie. 100000 Menschen sind es wohl, die diesmal, bei der 43. Auflage, vier Tage lang Guca bevölkern, vielleicht sind es auch 200000, jedenfalls so viele, dass man sich fragt, wie der Ort noch zum Atmen kommt. Die meisten kommen aus Serbien, aber es laufen einem auch etliche Besucher von anderswo über den Weg: Argentinier zum Beispiel, Dänen, Australier, Nordamerikaner. Pioniere eines neuen serbischen Tourismus.
Die Musik, die hier gespielt wird, haben die weit Gereisten in der Regel das erste Mal im Kino gehört: in Filmen wie Underground oder Schwarze Katze, weißer Kater von Emir Kusturica. Und das, was auf den Straßen von Guca geschieht, hat durchaus Ähnlichkeit mit dem wilden Durcheinander auf der Leinwand. Grob vereinfacht, sieht das Vergnügungsprogramm so aus: Bier und Rakija trinken, tanzen, Spanferkel vom Spieß essen, Bier und Rakija trinken. Dann wieder tanzen. Und so weiter. Recht überschaubar im Grunde, ein bisschen wie auf der Love Parade, nur dass das Publikum hier aus drei Generationen besteht und Begriffe wie Lifestyle und Urbanität kaum jemanden interessieren.
Dabei gibt es sogar einen richtigen Popstar. Besonders seine musikalischen Beiträge für die besagten Filme haben ihn dazu gemacht. Er heißt Boban Markovic, stammt aus einer Roma-Familie aus dem Musikerdorf Vladicin Han und hat beim Festival schon mehrfach die Hauptpreise abgeräumt: die Goldene und die Erste Trompete, gewissermaßen die Oscars der Blasmusik. Inzwischen ist er auch im Ausland erfolgreich, in Guca kennt ihn ohnehin jeder.
Wie man sich wohl fühlen mag, wenn alle paar Schritte die eigenen Hits aus den Lautsprechern scheppern? »Wie ein König«, sagt Markovic und fingert eine Zigarette aus seinem Herrenhandtäschchen. Der König von Guca trägt Jogginghose und T-Shirt. Am Vorabend hat er noch im feinen Zwirn auf der Bühne gestanden und zusammen mit seinem 16-jährigen Sohn Marko und den neun Orchesterkollegen ein einstündiges Konzert geben dürfen, als erster Trompeter in der Geschichte von Guca. Eine große Ehre, normalerweise sieht das offizielle Programm pro Kapelle höchstens eine Viertelstunde vor.
- Datum 04.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.09.2003 Nr.37
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