Was im Rückblick trivial erscheint, war damals, als ich in das Institut für Sozialforschung eintrat, nicht selbstverständlich: dass die Reputation des Hauses von der ungebrochenen, jetzt erst ihrem Höhepunkt zustrebenden Produktivität Adornos eher abhängen würde als vom Erfolg der empirischen Forschungen, mit denen sich das Institut eigentlich legitimieren sollte. Obwohl bei ihm alle Fäden der Institutsarbeit zusammenliefen, konnte Adorno mit Organisationsmacht nicht umgehen. Er bildete eher den passiven Mittelpunkt eines komplexen Spannungsfeldes. 1956, als ich ankam, bestanden zwischen Max Horkheimer, Gretel Adorno und Ludwig von Friedeburg symmetrische Gegensätze, die dadurch definiert waren, dass sich ihre jeweils an Adorno gerichteten Erwartungen durchkreuzten.

Friedeburg hatte das legitime Interesse an einer inhaltlichen Kooperation mit Adorno, die zu einer stärker theoretischen Ausrichtung der empirischen Forschung führen sollte. Unabhängig davon wollte Gretel den persönlichen, sowohl wissenschaftlichen wie publizistischen Erfolg des Philosophen, den Adorno eigentlich erst posthum errungen hat. Und für Horkheimer sollte Adorno die unmögliche Aufgabe lösen, dem Institut mithilfe politisch unanstößiger, akademisch eindrucksvoller Studien öffentliche Geltung zu verschaffen, ohne die Radikalität der gemeinsamen philosophischen Intentionen ganz zu verleugnen und die nonkonformistische Signatur der Forschungsrichtung – das für die studentische Nachfrage wichtige Image des Instituts – zu beschädigen.

Für mich gewann Adorno eine andere Bedeutung: Die Zeit hatte im Institut einen doppelten Boden. Während der fünfziger Jahre hat es vermutlich in der ganzen Republik keinen zweiten Ort gegeben, an dem die intellektuellen zwanziger Jahre so selbstverständlich präsent waren. Gewiss, die alten Mitarbeiter des Instituts, Herbert Marcuse, Leo Löwenthal und Erich Fromm, auch Franz Neumann und Otto Kirchheimer waren in Amerika geblieben. Aber in ganz ungezwungener Weise kursierten zwischen Adorno, Gretel und Horkheimer auch die Namen von Benjamin und Scholem, Kracauer und Bloch, Brecht und Lukács, Alfred Sohn-Rethel und Norbert Elias, natürlich die Namen von Thomas und Erika Mann, Alban Berg und Arnold Schönberg oder die von Kurt Eisler, Lotte Lenya und Fritz Lang.

Das war kein Name-Dropping. Die Namen waren auf eine verblüffend alltägliche Weise in Gebrauch, um auf Personen Bezug zu nehmen, die man seit Jahrzehnten kannte, mit denen man befreundet oder – und dies vor allem – verfeindet war. Bloch beispielsweise war zu der Zeit, als Adorno Die große Blochmusik schrieb, immer noch Persona non grata. Die irritierend selbstverständliche Gegenwart dieser Geister brachte mir eine Differenz im Zeitgefühl zu Bewusstsein. Während "für uns" die Weimarer Zeit jenseits einer abgründigen Zäsur lag, hatte ja "für sie" die Fortsetzung der zwanziger Jahre in der Emigration erst wenige Jahre zuvor ein Ende gefunden. Es waren kaum drei Jahrzehnte verstrichen, seitdem Adorno seine spätere Frau, die gelernte Chemikerin Gretel Karplus, in Berlin, wo sie die Lederwarenfabrik ihres Vaters weiterführte, zu besuchen pflegte, um bei einer dieser Gelegenheiten auch Benjamin kennen zu lernen. Benjamins Angelus Novus, den George Bataille, damals Bibliothekar an der Bibliothèque Nationale, beim Abschied von Paris in Verwahrung genommen hatte, hing in Gretels Zimmer an der Wand links neben dem Eingang. Dann ging das Bild in Scholems Besitz über und hängt heute in jenem Raum der Hebräischen Universität, wo die einzigartige Bibliothek dieses sammelwütigen Gelehrten untergebracht ist. Als ich nach Frankfurt kam, war Benjamin für mich wie für fast alle Jüngeren ein Unbekannter. Aber die Bedeutung des Bildes sollte ich bald kennen lernen.

Soeben hatten Gretel und Teddy Adorno bei Suhrkamp die ersten Aufsätze von Benjamin herausgebracht. Da das öffentliche Echo schwach war, forderte Gretel mich auf, eine Rezension zu schreiben. Auf diese Weise kam ich in den Besitz jener beiden hellbraunen Lederbände, die Benjamin aus dem Vergessen zurückholten. Ute und ich versenkten uns in die dunkel leuchtenden Essays und waren auf merkwürdige Weise berührt von jener unbestimmten Verbindung aus luziden Sätzen und apokryphen Andeutungen, die in kein Genre zu passen schien.

Auf die Bezüge der temporalen Doppelbödigkeit des Institutsalltags war ich zwar literarisch nicht ganz unvorbereitet. Aber sie brachten mir das akademische Milieu der deutsch-jüdischen Tradition erst zur Anschauung – auch das Ausmaß der immer schon verspürten moralischen Korruption einer deutschen Universität, die die Vertreibung und Ausrottung dieses Geistes, wenn nicht geradewegs betrieben, so wenigstens schweigend hingenommen hatte. Damals begann ich, mir die Gemütsverfassung der Kollegen vorzustellen, die in der ersten Fakultätssitzung des Sommersemesters 1933 auf die leeren Stühle gestarrt haben müssen. In Frankfurt, wo die junge Universität ihren in der Weimarer Zeit erworbenen Ruhm dem Nicht-Diskriminierungsgebot ihrer Satzung und einer gegenüber Juden unvoreingenommenen Berufungspraxis verdankt hatte, wurde der Lehrkörper 1933 um fast ein Drittel dezimiert.

Intellektuell bin ich 1956 in ein neues Universum eingetreten. Trotz vertrauter Themen und Fragestellungen war es zugleich fremd und faszinierend. Verglichen mit dem Bonner Universitätsmilieu, war hier die Lava des Gedankens im Fluss. Nie zuvor war ich einer so differenzierten gedanklichen Komplexität im Zustand ihrer Entstehung begegnet – im Modus der Bewegung, bevor sie ihren literarischen Niederschlag fand. Was Schelling in seinen Jenaer Vorlesungen zur Methode des akademischen Studiums im Sommersemester 1802 als Idee der deutschen Universität entwickelt hatte, nämlich "das Ganze seiner Wissenschaft aus sich selbst zu konstruieren und aus innerer, lebendiger Anschauung darzustellen", das praktizierte Adorno in diesem Frankfurter Sommersemester.

Scheinbar anstrengungslos führte er in freier, aber druckreifer Rede die dialektische Verfertigung spekulativer Gedanken vor. Gretel hatte mich aufgefordert, sie zur Vorlesung, die damals noch im kleinem Hörsaal stattfand, zu begleiten. In den folgenden Jahren, als ich längst anderes zu tun hatte, sah ich, dass sie kaum jemals eine von Teddys Vorlesungen versäumte. Beim ersten Mal hatte ich Mühe, dem Vortrag zu folgen; geblendet von der Brillanz des Ausdrucks und der Präsentation, stolperte ich dem Duktus des Gedankens hinterher. Dass sich auch diese Dialektik oft zur bloßen Manier verfestigte, merkte ich erst später. Der beherrschende Eindruck war die noch aus dem Dunkel des Unverstandenen funkelnde Prätention der Aufklärung – das Versprechen, verschwiegene Zusammenhänge transparent zu machen.