Die Zeit hatte einen doppelten BodenSeite 3/3
Damals kannte ich das Forschungsprogramm des alten Instituts noch nicht und konnte nicht wissen, dass es allein diese beiden Autoren waren, die während der fünfziger Jahre die Tradition, ohne an einen Bruch zu denken, fortführten. Leo Löwenthal hatte wie Horkheimer seine produktivste Zeit hinter sich. Otto Kirchheimer und Franz Neumann waren immer schon eigene Wege gegangen. Erich Fromm war aus der Sicht des engeren Institutskreises zum „Revisionisten“ geworden. Und Friedrich Pollock übte seit der Diskussion über Staatskapitalismus Anfang der vierziger Jahre theoretische Enthaltsamkeit.
Nicht alles war fremd in einem befreienden Sinne. Jemandem, der ein konventionelles Philosophiestudium abgeschlossen hatte, fielen im Frankfurter Kanon befremdliche Lücken auf. Was für mich die philosophischen „Zeitgenossen“ waren, also die großen Autoren der zwanziger und dreißiger Jahre wie Scheler, Heidegger, Jaspers, Gehlen, aber auch Cassirer, selbst Plessner, ganz zu schweigen von Carnap und Reichenbach – sie kamen in Seminar und Vorlesung nicht vor. Wenn sie überhaupt erwähnt wurden, dann in einem Aperçu wie dem von Horkheimer: „wenn schon Jaspers, dann lieber Heidegger“. Die hermeneutische Tradition von Humboldt bis Dilthey war als idealistisch abgestempelt. Nicht viel besser stand es mit der phänomenologischen Schule; Husserls Entwicklung schien vor dessen transzendentaler Wende abzubrechen. Von den Neukantianern wurden nur Cohen und Cornelius, der Lehrer von Horkheimer, mit einem gewissen Respekt erwähnt.
Die relevante Geschichte der Philosophie schien mit Bergson, Georg Simmel und dem Göttinger Husserl, also vor dem Ersten Weltkrieg aufzuhören. Erst beim Lesen der posthum veröffentlichten Antrittsvorlesung über Die Aktualität der Philosophie habe ich mit einem gewissen Erstaunen festgestellt, dass Adorno sich als Privatdozent mit Heideggers Sein und Zeit intensiv auseinander gesetzt haben muss; der bald darauf erschienene Jargon der Eigentlichkeit hatte mich davon nicht überzeugen können. Allerdings muss ich hinzufügen, dass jene erste Adorno-Vorlesung die einzige blieb, die ich über ein ganzes Semester hin besucht habe. Öfter nahm ich an den Hegelseminaren teil. Das Fehlen der Philosophie der zwanziger Jahre verlieh dem Frankfurter Diskurs etwas gewissermaßen Altmodisches. Umso stärker war der Kontrast zum Geist der ästhetischen und der freudianischen Avantgarde, den Adorno auf radikale Weise, bis in die Fingerspitzen hinein ausdrückte.
Wenn ich den Bewusstseinswandel beschreiben soll, den die mentalitätsprägende Kraft des täglichen Umgangs mit Adorno bei mir herbeigeführt hat, so ist es die Distanzierung von dem vertrauten Vokabular und der Weltsicht der sehr deutschen, in Herders Romantik wurzelnden historischen Geisteswissenschaften. Der ernüchternde soziologische Blick auf die unbegriffene Komplexität des verknoteten Ganzen eines verstümmelten Lebenszusammenhangs verband sich mit dem Vertrauen in die analytische Kraft eines negierenden Denkens, das diesen Knoten lösen würde – wenn sich die denkenden Subjekte nur nicht einschüchtern ließen.
Jürgen Habermas war von 1956 bis 1959 Forschungsassistent am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. 1964 folgte er Max Horkheimer auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Frankfurt
- Datum 04.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.09.2003 Nr.37
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