Irak Das schnelle Rad des Todes

Wer steckt hinter dem Mord an dem irakischen Schiitenführer al-Hakim? Washington argwöhnt: Teheran. Plausibel ist das nicht

Ein Schiit stirbt nicht einfach, er opfert sich für die gerechte Sache Gottes. Ob er ein Attentat auf israelische Besatzer im Libanon verübt, ob er in einem von den USA abgeschossenen Flugzeug gesessen hat oder ob er selbst durch einen Anschlag ums Leben kommt – gläubige Schiiten haben immer das Potenzial zum Märtyrer. Natürlich muss es erst anerkannt werden von den religiösen und politischen Führern. Sie erst machen einen, der im Kampf gestorben ist oder im Hinterhalt, zum Märtyrer – ohne sie kann auch der eifrigste Gläubige keinen Heldentod sterben, jedenfalls keinen, der die Massen bewegt. Wenn sich aber das Rad des Todes erst einmal dreht, ist es schwer, es anzuhalten – und im Irak dreht es sich mit jedem Tag schneller.

In diesem Sinne müssen die Besatzer des Iraks nun wachsam sein, denn am vergangenen Freitag ist zusammen mit 82 anderen Menschen ein Schiit ums Leben gekommen, der das Zeug zu einem großen Märtyrer hat: Ajatollah Bakr al-Hakim. Eine 750-Kilo-Bombe riss ihn vor der Moschee des Imams Ali im irakischen Nadschaf in den Tod. 300000 Menschen kamen zu seinem Begräbnis. Sie weinten, klagten und trauerten – und gleichzeitig war es die größte politische Demonstration im Irak nach Saddam Husseins Tod. Genauer: die erste vorpolitische Massendemonstration.

Anzeige

Denn noch suchen die schiitischen Massen des Iraks einen Weg, den sie beschreiten können. Nun, da sie von Saddam Husseins Schreckensherrschaft befreit sind, kommt an die Oberfläche, was jahrzehntelang unterdrückt war: die religiösen Rituale, die verboten waren, die kollektive Erinnerung an das Leid, das den Schiiten als Glaubensgemeinschaft zugefügt worden ist, und das Wissen, dass sie seit Bestehen des Iraks niemals eine Vertretung im Staate hatten, die auch nur annähernd ihrem Bevölkerungsanteil von 60 Prozent entspricht. Das alles münzt sich nun um in politische Ambitionen. Das Ziel ist klar, und Ajatollah Bakr al-Hakim war einer von denen, der es vorgegeben hatte: ein freier, unabhängiger Irak, in dem der Islam, wie er sich ausdrückte, „respektiert“ würde und der vor allem der großen Bevölkerungsmehrheit der Schiiten endlich die ersehnte Macht bringen sollte.

Dafür hatte Bakr al-Hakim entschlossen seinen Kurs gewählt: so viel Kooperation mit den Amerikanern, wie gerade nötig war, um sie zu überzeugen, dass sie bald und ohne Blutvergießen aus dem Irak abziehen müssten. So viel Entgegenkommen gegenüber den anderen ethnischen und religiösen Gruppen des Iraks, dass sich keine von der Mehrheit erdrückt fühlt. Jetzt ist dieser Steuermann tot. Wer immer den Irak in ein Grab für die Amerikaner und alle anderen sich dort tummelnden Ausländer verwandeln will, ist seinem Ziel mit dem Anschlag einen Schritt näher gekommen. Und es gibt zahlreiche Gruppen, die den Irak für die Amerikaner zur Hölle machen wollen: Anhänger Saddam Husseins, Kader der Baath-Partei, Terroristen arabischer Provenienz, sunnitische Gruppen, welche die Macht der Schiiten fürchten. Für sie alle war al-Hakim ein Feind, denn er hatte die Emotionen und Sehnsüchte der schiitischen Massen in ein realpolitisches Korsett zwingen wollen.

Der Anschlag auf al-Hakim fügt sich nahtlos in eine Terrorstrategie ein, die auf mehreren Ebenen arbeitet. Die täglichen Angriffe auf US-Soldaten zielen auf die Moral der USA; die größeren Attentate wollen jede politische Aufbauarbeit von Beginn an zerstören. Das Attentat auf das UN-Hauptquartier vor zwei Wochen gehört dazu, wie die Bombe, die Dienstag dieser Woche in einer Bagdader Polizeischule hochging und mehrere neue Opfer forderte. Der vorläufige Höhepunkt dieser Strategie ist der Anschlag auf al-Hakim. Er hat die amerikanischen Besatzer am empfindlichsten getroffen. Denn ohne irakische Partner wie al-Hakim ist ihre Befriedungsmission aussichtslos.

Tod und Politik sind eng verschränkt in der Glaubenswelt der Schiiten. Vor allem kann der Tod die Politik befeuern, und darum sind jetzt gefährliche Kräfte freigesetzt. Führungslos können sie sich in einen reißenden Strom verwandeln. Wer wird diese Kräfte nutzen, in welche Richtung wird er sie lenken und zu welchem Zwecke?

Viel ist die Rede von Moktada al-Sadr, dem jungen Abkömmling einer angesehenen Ajatollah-Dynastie. Ihm werden alle möglichen dämonischen Eigenschaften zugeschrieben, hinter vielen Missetaten – auch hinter dem Anschlag auf al-Hakim – vermutet man seine Hand. Er tut wenig, um das Image des düsteren, gefährlichen Eiferers zu widerlegen. Im Gegenteil, es scheint sogar, als nutze er das Bild des Radikalen, um seine mangelnde Autorität als religiöser Führer zu kompensieren.

Al-Sadr nutzt das Machtvakuum geschickt aus, das vier Monate nach der offiziellen Beendigung der „großen Kampfhandlungen“ (George W. Bush) im Irak immer noch herrscht. Er kämpft um Positionen und Einfluss innerhalb der schiitischen Gemeinschaft. Aber Moktada ist nichts als ein Kriegsgewinnler. Wenn der Irak sich stabilisierte, hätte er keine Macht. Al-Sadr ist der einzige schiitische Führer des Iraks, der offen für einen irakischen Gottesstaat eintritt und damit die Gefahr heraufbeschwört, welche die Amerikaner am meisten fürchten: ein zweites Iran in der ölreichsten Region der Erde. „Das werden wir auf keinen Fall erlauben“, sagte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nach dem Einmarsch seiner Truppen in Bagdad im vergangenen April. An dieser Haltung hat sich nichts geändert. Moktada wird daher gern als Handlanger der Mullahs in Teheran dargestellt, als der ferngesteuerte große Destabilisator. Aber welches Interesse hätte der Iran an einem instabilen, an einem möglicherweise auseinander brechenden Irak?

Service