japan Japan ist wieder da

Kauflustige Konsumenten, freigebige Notenbanker, clevere Unternehmen: Nach einem Jahrzehnt wächst die Wirtschaft wieder

Jedes Jahr im Spätsommer zieht es Norbert Walter gen Osten. Dann will der Chefvolkswirt der Deutschen Bank fühlen, wie der Wachstumskontinent Asien tickt. Die Reise ist lang: Nach Indien, Singapur, Hongkong und Südkorea folgt, wie in jedem Jahr, als letzter Stopp Japan. Ausgerechnet die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt aber ist dem lang gedienten Deutschbanker von allen asiatischen Ländern fremd geblieben. „Ich stehe vor einem Rätsel“, gesteht Walter vor der Ankunft in Tokyo. „Ich habe die Entwicklung des Landes nicht prognostiziert.“

Dem Ökonomen der Globalisierungsepoche ergeht es nicht anders als den Missionaren der Neuzeit. Von der Fähigkeit der östlichen Insulaner, „in allen Dingen im Gegensatz zu allen anderen Nationen zu handeln“, berichtete schon Jesuitenpater Pierre Francois Xavier de Charlevoix vor knapp 250 Jahren. Heute nun hält Nippon wieder eine Überraschung bereit, und zwar eine gute. Nach mehr als zehn Jahren wirtschaftlichen Niedergangs meldet das Land erstmals wieder ein gesundes, von privaten Investitionen und privatem Verbrauch getragenes Wirtschaftswachstum. Auch die Börse hat sich nach gigantischen Wertverlusten ein wenig erholt.

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Kauflustige Konsumenten, freigebige Notenbanker, clevere Unternehmen: Nach einem Jahrzehnt wächst die Wirtschaft wieder

Konjunkturprogramme verpufften

„Deflation, Stagnation, verrottete Banken: Wird Deutschland wie Japan?“, fragte kürzlich die Financial Times. Japan, ehemals zum Dominator der Weltwirtschaft erhoben, gilt noch als Synonym für Stillstand. Und tatsächlich krankt sein Finanzsystem an den Folgen der großen Spekulation von vor zehn Jahren. Überschuldete Banken wurden unterstützt, teure Konjunkturprogramme in Serie aufgelegt. Japan ist heute die am höchsten verschuldete Industrienation. Zudem altert die Gesellschaft rapide, und seit Jahrzehnten regiert dieselbe Partei.

Aus der Ferne gesehen, steckt das Land in der Krise, aus der Nähe erkennt man aber nachhaltige Veränderungen im Feingewebe von Unternehmen, Gesellschaft und Politik. Japans Stärken waren für den westlichen Blick nie auf Anhieb erkennbar. Nachdem Toyota mit seinem Just-in-time-Produktionssystem die industrielle Fertigung revolutionierte, vergingen 30 Jahre, bis amerikanische Ökonomen in den achtziger Jahren die „zweite Revolution in der Autoindustrie“ verkündeten und westlichen Managern das Toyota-System erklärten. Die Kardinaltugenden der Volkswirtschaft – Ausdauer, Disziplin und hochwertige Arbeit – setzten sich immer nur langsam und von unten durch. Heute haben „viele Firmen die Toyota-Methoden eingeführt, damit viel verändert und an Rentabilität gewonnen“, schreibt Japans führende Wirtschaftszeitung Nihon Keizai. Folglich erklärt die Zeitung den von ihr diagnostizierten „Zeitenwechsel“ in Japan nicht mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen oder veränderten internationalen Rahmenbedingungen, sondern mit der „Bewegung in den Unternehmen“.

Hier liegt der tiefere Grund für die wirtschaftliche Genesung des Landes nach zehn Jahren Krise. Bisher beruhten alle Wachstumsschübe seit 1993 auf staatlichen Konjunkturprogrammen. Diesmal schaffen private Investitionen den Antrieb für den Aufschwung. Sie ziehen seit 18 Monaten konstant an, während der Staat sich mehr und mehr zurückhält. Insgesamt wachsen die Investitionen gegenüber 2002 wahrscheinlich um mehr als fünf Prozent.

Die neue Investitionslust signalisiert das Comeback der Japan AG – nur passt der Begriff nicht mehr, da sich Wirtschaft und Staat auseinander gelebt haben. Verschwunden ist das Industrie- und Außenhandelsministerium MITI, das die japanischen Unternehmen einst auf den Weltmarkt führte wie ein Schäfer seine Herde. Geblieben sind die restrukturierten Konzerne, die sich vom Herdentrieb gelöst haben und um ein eigenständiges Profil ringen. Dabei sind sie erfolgreicher denn je. So weisen die an der Börse in Tokyo notierten Unternehmen fürs vergangene Geschäftsjahr Rekordprofite von 24 Billionen Yen (umgerechnet 187 Milliarden Euro) aus – 20 Prozent mehr als im bisherigen Rekordjahr 1990. Mit anderen Worten: Die gleichen Unternehmen, deren Aktienwert auf dem historischen Höhepunkt der japanischen Wirtschaftsexpansion im Jahr 1990 den Gesamtkurswert der New Yorker Börse überstieg, verdienen heute mehr als damals – obwohl ihr Kurswert nur noch einen Bruchteil des Wall-Street-Wertes beträgt.

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