Einem Model werden die Wimpern getuscht. Konzentriert starrt es auf den Horizont des halb dunklen Raumes. Schnitt. Totale. Demonstranten laufen ungeordnet durch die Straßen einer europäischen Großstadt, bewaffnete Uniformierte um sie herum. Eine Off-Stimme erzählt von den Freuden des Plünderns von Modegeschäften. Es ist unklar, ob es besser ist, Markenprodukte zu klauen oder zu zerstören. Ein paar Szenen später greift ein als Faun kostümierter älterer Herr in einen Brunnen und holt einen toten Fisch heraus. Das sei der Kapitalismus, erklärt er. Die Demonstranten von heute hätten gegenüber denen von 68 eins gelernt: "Damals hieß es: ,Macht kaputt, was euch kaputt macht.‘ Heute machen sie kaputt, was sie mögen: Fashion-Items . Status-Symbole."

Die Szenen stammen aus dem Videofilm Get Rid of Yourself! von der New Yorker Künstlergruppe Bernadette Corporation. Die Gruppe beschäftigt sich mit Mode und Militanz. In ihrer Zeitschrift Made in US – natürlich als Godard-Zitat zu verstehen – interviewen sie Designer und berichten von Genua 2001 aus Sicht des so genannten schwarzen Blocks. Modestrecken wechseln mit poetischen Nachrichten aus dem illegalen Leben ab. Eine Vermittlung der beiden Interessen und Investments in Radikalismus und Mode findet – auf den ersten Blick – nicht statt. Der gemeinsame Nenner ist die Ware selbst: ihre extreme, luxuriöse, ja fetischistischste und vor allem gebrauchswertfernste Gestalt im Modeartikel zum einen, die radikale Kritik und destruktionsbereite Ablehnung zum anderen.

Bevor die Individualisierungen der Nachkriegszeit ihre politischen Wirkungen entfalteten und die Repräsentation politischer Positionen in einer visuell weniger kodierten Öffentlichkeit unterminierten und auffächerten, muss es so eine Art Urnormalität der politischen Kleiderordnung gegeben haben. Man demonstrierte je nach Richtung und Partei im Sonntagsstaat, in Parteiuniform oder gar in Tracht. Öffentliche Politik war zwar auch damals schon eine Performance, aber sie reichte kaum zurück ins Alltagsleben. Und nach dem Krieg gab es auch noch das Bedürfnis, optisch den unmarkierten, nur inhaltlich bestimmten Citoyen darzustellen, eine Art Idealsubstrat demokratischer Subjektivität – nicht von kulturellen Partikularinteressen getrübt, nicht von spezifischen Erfahrungen geleitet, sondern ganz sachlich und partizipationsbereit bildete die skeptische Generation ihre Reihen.

Obwohl sich bereits abzeichnete, dass dieser abstrakte Citoyen eine Fiktion bleiben würde, war in den fünfziger Jahren nicht vorstellbar, dass Mode und Politik je verbunden würden wie später. Trotz all ihrer äußeren Auffälligkeiten und Gemeinsamkeiten war es den ersten politisierten Jugendlichen der Nachkriegszeit noch fremd, diese Auffälligkeiten zu thematisieren. Politisierung richtete sich ja gegen genau jene Warenwelt, als deren "warenhafteste", nämlich gebrauchswertfernste Produkte die der Mode galten. Doch gerade das erklärte Ziel, nicht modisch auszusehen, setzte eine der folgenreichsten modischen Entwicklungen in die Welt: die Antimode. Da der Welt der Ware und den durch sie vermittelten Konformitäten der Nachkriegszeit nicht zu entkommen war, entwickelte man einen – bei Licht besehen: recht feinsinnigen – Geschmack, der sich um nichts anderes kümmerte als um das Errichten stabiler Differenz der eigenen Antimode zu den Dresscodes der Etablierten – die ja intern ebenfalls über feine Unterschiede strukturiert waren.

Antimode kennt zwei Argumente: Zum einen sei Kleidung den Menschen äußerlich, sekundär, zudem käuflich, also nicht nur unwesentlich, sondern auch amoralisch. Dieser protestantisch-asketischen Moral, die bei politisierten Nachkriegsjugendlichen – Ostermarschierern, Wiederbewaffnungsgegnern – sicher ausgeprägter war als heute, stand die Position gegenüber, die man als Nonkonformismus beschreiben könnte: Falsch sei es, sich dem herrschenden Prinzip des Geschmacks zu unterwerfen, weil man dadurch seine Persönlichkeit zugunsten von Normen und Fremdbestimmung aufgebe. In dieser Argumentation ist aber schon eine geheime Übereinstimmung mit modischen Prinzipien angelegt. Denn wenn die Mode in ihrer gegenwärtigen Form ein Agent des Konformismus und der Unterwerfung wäre, könnte ja eine andere Mode Abhilfe bringen. Dann wäre nicht das Prinzip der Mode falsch, sondern nur jeweils eine bestimmte Mode.

Mit Rolli, Parka und Jeans zeigte man, dass man anders war. Viele waren anders

In den fünfziger Jahren findet sich eine erste Synthese der asketischen und der nonkonformistischen Antimode in den sprichwörtlichen Rollis der "Existenzialisten". Das Anti dieser Antimode richtete sich gegen das Prinzip des Modischseins und eroberte damit gleichzeitig die Teile der Bevölkerung für Fragen ihrer äußeren Erscheinung, denen diese vorher völlig egal und unmarkiert erschienen war: Männer, Intellektuelle, Jugendliche. Schon die nächste Antimode war inhaltlich konturierter: Parkas und Jeans. Aus dem vagen und diffusen Nonkonformismus war eine politische und kulturelle Position geworden, die zwar das Prinzip der Mode nominell immer noch bekämpfte, doch zugleich der Mode eine bis dahin undenkbare Ressource erschlossen hatte: kulturelle und weltanschauliche Abgrenzungsmanöver. Dabei galt für alle drei Fetische des Nonkonformismus (Rollkragenpullover, Jeans, Parkas), dass sie nur über doppelte Negation funktionierten: Weil ich in äußeren Dingen nämlich mit allen anderen Nonkonformisten konform bin, negiere ich die falsche Nonkonformität der eigentlich konformistischen neuen Mittelschichtler und Angestellten, die sich nur durch gekaufte Äußerlichkeiten unterscheiden.

Für diese Angestellten und Wirtschaftswundergewinner galt: Wer gepflegt oder modern, chic oder urban aussehen wollte, strebte zwar in gewissem Sinne auch eine Konformität an, die Norm einer Klasse und eines Lebensstils, jedoch ohne weltanschauliche Bestimmung. Alle Differenzen galten allenfalls der eigenen finanziellen Potenz, dem neu erworbenen Status – aber sie sollten dies möglichst indirekt anspielen oder vermitteln, nicht direkt aussprechen, nicht unumwunden bedeuten. Dieses Verhältnis der Zeichen zu ihrer möglichen Lektüre gilt für alle klassischen bürgerlichen Moden. Direkte Übersetzbarkeit war vulgär.