Ins Unglück verliebt
Barbara Gowdy verklärt die weibliche Seelenqual bis zur Schönheit
Die meisten Romane unserer Zeit werden von Frauen geschrieben, von Frauen lektoriert, von Frauen verkauft und gekauft und wahrscheinlich auch gelesen. Die meisten Verleger in aller Welt sind aber Männer (wenngleich dieses Buch von Antje Kunstmann verlegt worden ist). Die übelsten wirtschaftlichen, militärischen und politischen Entscheidungen der Geschichte sind bekanntlich auch nicht von Frauen gefällt worden. Diese mindestens 50000 Jahre währende Asymmetrie der Machtverhältnisse begleitet das dunkelste Geheimnis der Menschheit durch ihre Geschichte: Warum lieben Frauen eigentlich immer noch die Männer? Die kanadische Dichterin Barbara Gowdy hat sich dieser Frage in ihrem ziemlich tränenreichen Liebesroman nicht wirklich zugewandt, doch dem – männlichen – Leser stellt sie sich nach der letzten Seite dieser minutiösen Expedition in die weibliche Psyche mit derselben Dringlichkeit, die einst Polarforscher gequält haben muss, als sie am Ziel ihrer Mühsal angekommen waren: Das soll der Südpol sein? Oder liegt er vielleicht ein paar Meilen weiter nördlich?
Ähnlich wie einst Shackleton und Nansen oder Amundsen und Scott ihre peinlich genauen Tagebücher über das weiße Nichts führten, hat Barbara Gowdy einen Atlas der Eislandschaft vergeblicher Gefühle entworfen, und es steht zu hoffen, dass es kein autobiografisches Werk ist. Das soll die Liebe sein?
Die Erklärungen der Evolutionsanthropologen angesichts weiblicher Neigung zur maßlosen Hingabe können nicht befriedigen. Es gibt schließlich keine Säbelzahntiger mehr, gegen die eine Horde bewaffneter Männer gemeinsam vorgehen muss, um Frauen und Nachwuchs zu retten. Männer sind für derlei Zwecke heutzutage ziemlich nutzlos. Doch ein anderer Erklärungsversuch für die verzehrende, an Torheit grenzende Liebe der Frauen zum anderen, insgesamt doch dümmeren Geschlecht stößt auf eine mögliche Antwort. Abgesehen von den fortpflanzungstechnischen Notwendigkeiten, die wiederum von Männern ganz übertrieben betont werden, beweist sich in der Liebe der Frauen vielleicht ein nicht so netter Kern aller Menschlichkeit. Nicht irgendeiner Liebe, sondern vielmehr der entropischen, ziel- und ergebnislosen Liebe schlechthin. Sie erscheint in Barbara Gowdys sensiblem, jede weibliche Seelenqual mikroskopisch genau sezierendem Buch nämlich als erhabenste Form der Herablassung, als spielerischste, mithin grausamste Form von Herrschaft, die alle männlichen Varianten der libido dominandi bei weitem übertrifft. Reinste Frauenliebe scheint auch die reinste Form von Rache an den Männern zu sein, diesen emotionalen Grobianen aus der Sahelzone der Empfindsamkeiten. Es ist darum ganz normal, dass sie von Frauen – wie auch in diesem Roman – in aller Ruhe zu Tode gepflegt werden.
Mehr noch, es stellt sich in dem Buch heraus, dass wahre weibliche Liebe (wie wahrscheinlich auch weiblicher Hass) auf das Objekt der grundlosen Begierde, auf den Mann in seiner physischen Existenz, durchaus verzichten kann, als handelte es sich um Dantes flüchtige Beatrice. Zugegeben – ein unpassender Vergleich. Der Mann, so lernen wir hier, taugt als abstrakter Katalysator erstaunlich schöner, zugleich lähmender seelischer Erfahrungen zwischen Glück, Harmonie und endloser Enttäuschung. Dazu muss er nicht wirklich da sein. Es reicht schon, wenn die Liebende seine Telefonnummer kennt, ohne ihn jemals anzurufen.
Das ganze Panorama weiblicher Verletzbarkeit, von erschreckendem Verständnis und erbarmungsloser Barmherzigkeit breitet sich vor dem Leser (zumindest vor diesem Rezensenten) in der Größe Kanadas aus, dem Schauplatz des Romans. Die junge Heldin Louise Kirk hängt an einem Alkoholiker, dem Deutschkanadier Abel Richter, als hätte sie es versäumt, den Sachbuch-Bestseller der achtziger Jahre zu studieren, Robin Norwoods Wenn Frauen zu sehr lieben. Auch Louise liebt zu sehr, doch am meisten verehrt sie ihr eigenes Leid. In der Dunkelheit ihrer Entbehrungen leuchtet ein helles Licht: Das ist ihre Fähigkeit, sich ihrer Liebesenttäuschungen so genau zu erinnern, wie ein idiot savant fünfzehnstellige Primzahlen hersagen kann.
Als handelte es sich um eine Gerichtsverhandlung, in der so früh wie möglich mildernde Umstände für die Heldin („schwere Jugend“) vorgestellt werden, erfahren wir anfangs, dass Louises Mutter eines Tages spurlos verschwunden ist. Sie hatte keine Lust mehr zum Hausfrauenleben mit geregeltem Geschlechtsverkehr. Später taucht sie als Matrone in der Provinz wieder auf, doch da hat der Roman keine Zeit mehr für sie. Denn zurückgeblieben war die leidende Tochter, deren emotionale Bedürfnisse auf das große Ziel des Romans justiert werden: auf das Hohelied des Verlustes. Louise also verknallt sich in den Nachbarjungen Abel. Die Affäre, die keine ist, erstreckt sich über ein junges Mädchenleben (erste Vernarrtheit in den musik-, natur- und selbstverliebten Knaben), dann folgen präerotische Erlebnisse zweier Teenager, die sich absondern von der tumben Außenwelt pubertierender Gesamtschüler und in ihrer Freizeit Zuflucht suchen im Mutterleib von Gaia, genauer, in der fledermausbevölkerten Höhle eines städtischen Grüngürtels. Es kommt zu flüchtigen Berührungen – und schließlich zu einer ungewollten Schwangerschaft, zu Abtreibung und Trennung von einem inzwischen erwachsenen Abel, der sich offenkundig selbst nicht schätzt (dafür kann er sich bei seiner Autorin beklagen), erdrückt von seinen kleinen musischen Talenten bei fortwährender Antriebsschwäche. Da hilft nur noch Schnaps. Barbara Gowdy schenkt regelmäßig nach.
Vor der Romangerichtsbarkeit steht Abel dumm herum, mit Verlaub: ein drucksender Tölpel. So präsentiert ihn die Autorin, und da er ihr Geschöpf ist, müssen wir ihn hinnehmen, wie er ist. Gerne würde man ihm zurufen, er solle doch in einen Roman von Robert Stone auswandern, wo seinesgleichen wenigstens noch in Schießereien oder in Seenot gerät, wie richtige Männer.
Louise aber liebt und liebt und liebt Abel auf Hunderten raschelnder Seiten. Seufzend hofft der Leser, dass Unglück vielleicht doch nicht das höchste Glück auf Erden sei. So traurig geht es nun einmal in diesem Roman zu, und niemand kann der Autorin vorwerfen, dass sie nicht jeden Winkel dieser zwei verschenkten Leben virtuos, beredt und mit der Könnerschaft einer wahrlich großen Schriftstellerin beschrieben hätte. Am Ende der Lektüre bleibt freilich der Eindruck zurück, als schaue man auf einen kostbaren Parfumflakon aus Kristallglas, dessen kleiner Stöpsel schon vor Jahren zerbrochen ist. Alle feinen Gerüche sind verflogen, was bleibt, ist die Ahnung, wie angenehm der Inhalt hätte sein können, bis das Malheur seinen Anfang nahm, bis die Liebe begann und die edelsten Gefühle schließlich im Alltag verdunsteten. Ach, Louise…
- Datum 04.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.09.2003 Nr.37
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