Lyrik Auf zitterndem Seil

Günter Grass und die Choreografie des Gedichts

Wer auch nur ein wenig vertraut ist mit der Arbeitsweise von Günter Grass, kann nicht überrascht sein: Auf (oft erschöpfende) Prosaarbeit folgen Gedichte; die sich ihrerseits meist Zeichnungen oder Lithografien oder Radierungen verdanken. So manches Archiv hält hoch interessante Beispiele zur Verfügung, anhand derer man den spannenden Vorgang verfolgen kann, wie sich aus einer Bildchiffre das Wort herausschält: ein Entpuppungsvorgang. Das Gedicht – ich glaube: 1974 – hat seinen Kokon in einer Zeichnung, die in einem zeremoniösen Wirbel Brille und Pilze und düstere Schatten komponiert.

Im Gedicht dann gerinnt das zur Begrifflichkeit:

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Viele Pilzkenner sterben früh
und hinterlassen Notizen.
Reitzger, Morchel, Totentrompete.
Wir unterscheiden und werden
erkannt unterschieden.
Immer war schon wer da.
Zerstörtes Bett – bin ich es gewesen?

Das Verfahren also ist bekannt. Das Resultat ist neu. Nach seiner so zuchtvollen wie bewegenden Novelle Im Krebsgang wollte Grass lastende Schatten abwerfen:

Als ich des Schiffes Untergang
und den nachhallenden Schrei
zum Buch verkürzt hatte,
wollte ich etwas Heiteres
zum Gegenstand meiner Laune machen
und begann aus Töpferton,
der feucht und vorrätig alt roch,
Figuren – Mann und Frau in Bewegung –
als Hohlkörper zu formen: jenseits
des Schreckens tanzende Paare,
die rundum Raum nahmen.

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 04.09.2003 Nr.37
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  • Schlagworte Günter Grass | Lyrik | Literatur | Gedicht | Tanzen
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