Lyrik Auf zitterndem Seil

Günter Grass und die Choreografie des Gedichts

Wer auch nur ein wenig vertraut ist mit der Arbeitsweise von Günter Grass, kann nicht überrascht sein: Auf (oft erschöpfende) Prosaarbeit folgen Gedichte; die sich ihrerseits meist Zeichnungen oder Lithografien oder Radierungen verdanken. So manches Archiv hält hoch interessante Beispiele zur Verfügung, anhand derer man den spannenden Vorgang verfolgen kann, wie sich aus einer Bildchiffre das Wort herausschält: ein Entpuppungsvorgang. Das Gedicht – ich glaube: 1974 – hat seinen Kokon in einer Zeichnung, die in einem zeremoniösen Wirbel Brille und Pilze und düstere Schatten komponiert.

Im Gedicht dann gerinnt das zur Begrifflichkeit:

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Viele Pilzkenner sterben früh
und hinterlassen Notizen.
Reitzger, Morchel, Totentrompete.
Wir unterscheiden und werden
erkannt unterschieden.
Immer war schon wer da.
Zerstörtes Bett – bin ich es gewesen?

Das Verfahren also ist bekannt. Das Resultat ist neu. Nach seiner so zuchtvollen wie bewegenden Novelle Im Krebsgang wollte Grass lastende Schatten abwerfen:

Als ich des Schiffes Untergang
und den nachhallenden Schrei
zum Buch verkürzt hatte,
wollte ich etwas Heiteres
zum Gegenstand meiner Laune machen
und begann aus Töpferton,
der feucht und vorrätig alt roch,
Figuren – Mann und Frau in Bewegung –
als Hohlkörper zu formen: jenseits
des Schreckens tanzende Paare,
die rundum Raum nahmen.

Er begann zu töpfern. Die Struktur seiner Gedichte zeigt, dass hier ein anderer Geburtsvorgang am Werk war als beim Schweben der Wörter aus Gezeichnetem. Diese Gedichte haben etwas Erdiges. Es sind Gedichte eines Bildhauers. Wer je einem Künstler beim Modellieren zugesehen hat – ob nun in Ton oder bei der Arbeit am Marmor –, der kennt die beobachtende Distanz, die den Produzierenden ständig in Bewegung hält: Er tanzt. Er braucht wechselnde Entfernung, Drehung, sich verändernden Lichteinfall. Er ist sein eigener Zuschauer, Betrachter des Gefertigten. Beim Zeichnen ist er „drinnen“, beim Bildhauern ist er „draußen“! Der Bildhauer ist auch Choreograf. Die Dialektik zwischen Raum, Figürlichkeit und Bewegung ist das Gesetz, dem er unterliegt.

Es sind also Beobachtungsgedichte. Sie erzählen: vom Tanz, ob Schieber, Tango oder Walzer; von der Situation, da Tanzschritt der erste Gehversuch war:

So einfach der Schieber.
Gelernt, als ich Kind noch,
weil Krieg war und Männer
in Stiefeln weit ostwärts,
so daß sich die Mädchen
aus Mangel und Tanzlust
uns Jungs von der Bank weg
mit Fingerschnalz holten.

Solch versifizierter Erinnerung gönnt Grass keinen Innenraum. Nun ist ja, wer in seinem Werk die Seele sucht, ohnehin recht verloren. Grass ist kein Schürfer im Schwarzen. Er trifft ins Schwarze, indem er Verhaltensweisen, Entwicklungen (oft genug zum Bösen hin), Verwerfungen zeigt. Geschichte aus Geschichten. Insofern stehen diese Gedichte den Notaten aus Mein Jahrhundert sehr nahe, fast trotzig wehren sie sich, hermetisch zu sein. In ihrer makabren Diesseitigkeit mahnen sie durchaus an so manches unvergessliche Tanzbild der Pina Bausch, da Not und Tod und Untergang mitschwangen im Rhythmus schweifender Schleppen.

Das Gelingen dieser Gedichte mag sogar darin liegen, dass Grass sein Gelöbnis zum „Heiteren“ außer Acht ließ; ein glücklich gelungener Meineid. Vielmehr ist der so schmaushaft gedruckte Band auch durchaus eingestimmt auf den Ton des Epitaphs – fast Seite um Seite gibt es Verweise auf ein „Gibt es schon lange nicht mehr, / auch kaum noch uns“ oder ein „Jadoch, ich weiß: allenfalls / bleiben Scherben“.

Grass selbst, ungern unbemerkt bleibend einerseits, vermurrt über die Herumstocherei in seinen Texten andererseits, Grass wird sich vielleicht mit einem „against interpretation“ wehren gegen diese Gründelei. Mit Recht. Denn das Buch klingt einen anderen Ton an von genau der Mitte ab; da sage man noch, der Mann wisse nicht zu komponieren. Fünfundneunzig Seiten hat der Band. Das Titelgedicht steht auf Seite 50 – und da spricht nun nicht mehr einer, der zu Blues oder zum Slowfox seine Figuren arrangiert, sondern der, der weiß, wie einsam man tanzt da oben auf dem Seil:

Dann wiederum war ich auf selbst-
gespanntem Seil
ein Tänzer, der im Abgrund sucht sein
Heil
und doch mit Wörtern, luftig in
Balance,
ein Netz sich spannt, vorsorglich
seinem Tanze;
es ist die Furcht des Mutes feig
verschwiegner
Teil.

Applaus und Tusch. Er hat das Seil- ende wohlbehalten erreicht, es zittert dann noch aus: ein paar freche, ein paar lustige, ein paar das Leben besingende Kurzgedichte – man hört ihn, wie er die vor vollem Saal liest. Mein Einwand gilt dem Titel: Ich wünsche nicht, dass es die letzten Tänze von Günter Grass seien.

Günter Grass: Letzte Tänze Gedichte und Bilder; Steidl Verlag, Göttingen 2003; 95 S., Abb., 35,– ¤Letzte TänzeSpezialGedichte und BilderGünter GrassBuchSteidl Verlag2003Göttingen35,–95
 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 04.09.2003 Nr.37
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