Lebenszeichen Sei du selbst!

Harald Martenstein hat öfter mal die falsche Jacke an

Ich habe eine Sozialbehinderung oder vielleicht Geisteskrankheit. Sie heißt Dresscode-Blindheit. Neulich habe ich zu einem Text über Liebe das Foto eines sich küssenden Paares veröffentlichen wollen. Es waren total süße junge Leute. Der Chef rief an. Er sagte: »Das sind doch Rechtsradikale da auf dem Foto.« Ich schaute noch einmal genau hin. Der junge Mann trug Normalo-Turnschuhe, ein T-Shirt mit Schwurbelschrift darauf und irgend so eine Knubbelhose und hatte eine 08/15-Modefrisur. Mein Sohn ist elf und war schon immer Sozialdemokrat, ich behaupte mal, er trägt ungefähr die gleichen Sachen. Wir holten unseren Experten für Rechtsradikalismus. Der Experte warf einen kurzen Blick auf das Foto und sagte: »Nazis.« Dann zeigte ich ihm ein Foto meines Sohnes. Er sagte: »Sozialdemokrat.«

So was kriege ich einfach nicht mit. Morgens ziehe ich immer an, was gerade im Schrank hängt und sauber ist, ich weiß aber nicht, was es bedeutet. Ich sende pausenlos Signale und kenne sie nicht. Noch dazu widersprüchliche Signale! Ich merke es immer in der Fußgängerzone. Manchmal winken mir ältere Damen verschwörerisch mit ihren Kuchengabeln zu, an anderen Tagen heben Skinheads grüßend ihre Bierdosen, wenn ich vorbeilaufe, einmal hat mir sogar ein Turban-Inder mit zwei gekreuzten Fingern ein geheimnisvolles Zeichen des Einverständnisses gegeben. Es muss an der karierten Jacke mit den Hornknöpfen gelegen haben.

Anzeige

Ich fände es gut, wenn die Nazis wieder braune Hemden tragen würden, wie in der alten Zeit. Egal, wie man zu den Altnazis politisch steht, zumindest waren sie leicht zu erkennen. Ich fände es auch okay, wenn sie für uns mittelliberale Mainstream-Leute eine eigene Hemdfarbe einführen würden, sagen wir ruhig Lindgrün. Ich wüsste sofort, an welchen Tisch ich mich in der Kneipe setzen müsste, wir bekämen sofort einen Draht zueinander und hätten eine gute Zeit.

International ist es noch komplizierter. Eine amerikanische Freundin erzählte, dass sich die Mainstream-Männer in Frankreich bis ins kleinste Detail so kleiden wie in New York die Homosexuellen. Ein schwuler Freund sei in eine französische Kleinstadt gereist und habe gedacht, er sei im Paradies gelandet, weil jeder, aber auch wirklich jeder Mann schwul war. Der Freund hatte wegen seines Irrtums viel Ärger in der kleinen Stadt.

Mir ging es ähnlich, als ich ins »90 Grad« wollte, das ist ein Klub. Ich fragte einen Freund, was man anziehen muss. Er sagte: »Sei einfach du selbst!« Ich habe die Jacke mit den Hornknöpfen genommen, so bin ich nun mal. Der Türsteher hat mich 20 Minuten lang erniedrigt, gedemütigt und verächtlich gemacht.

Wenn ich Verleger wäre, würde ich ein Buch mit Dresscodes herausbringen. Man müsste es jedes Jahr aktualisieren, wie Restaurantführer. Man würde unter »Hornknöpfe« nachschlagen, und dann stünde da: »In den USA Intellektueller. In Spanien Mitglied von Opus Dei. Im frankofonen Kanada Anhänger von verbotenen Sexualpraktiken mit Dachshunden. In Indien Turban-Wäscher.«

Als die Freundin und ich in dem Café saßen, kam ein Herr herein. Die Freundin fing an zu lachen und sagte: »Allerhand! Dass er sich nicht schämt! In seinem Alter!« Alle im Lokal kicherten. Für mich war das ein ganz normaler alter Herr. Dresscodeblindheit ist wirklich eine Art Behinderung.

Service