Film Ich, nur noch zwei Monate
Was tun, wenn man bald sterben muss? Torte essen? Den Liebsten betrügen? Isabel Coixets Film „Mein Leben ohne mich“
Augen auf, Augen zu. Ein letztes Bild auf der Netzhaut, und das war’s. Unsinnig, sich über das Danach Gedanken zu machen, über das legendäre Licht am Tunnelausgang, über eine himmelfahrende Seele oder die Rückführung des Körpers in den biologischen Kreislauf. Dafür hat die 23-jährige Ann aus Vancouver gar keine Zeit. Seitdem sie weiß, dass sie bald sterben wird, ist sie ganz und gar damit beschäftigt mitzubekommen, dass sie noch am Leben ist. „Wow!“, entschlüpft es ihr, als ein Arzt sie nach einem Kollaps über ihren Tumor aufklärt. Und als sie ihre Prognose hört, nach der ihr nur noch zwei Monate bleiben, noch einmal: „Wow!“ Foto: Tobis Film
So schmuddelig und anstrengend ihre kleine Existenz auch gewesen sein mag – etwas anderes hat Ann jetzt nicht mehr: den nächtlichen Putzjob in der Universität, die manischen Diät-Ankündigungen ihrer Kollegin (Amanda Plummer), den Wohnwagen, in dem sie mit ihren zwei Töchtern und dem liebevollen, attraktiven, aber meist arbeitslosen Don lebt. Und nebenan die verhärmte Mutter (Deborah Harry), die ihr Gesicht einmal am Tag ebenso rabiat vor dem Spiegel zurechtzupft wie die Strümpfe, die von der Wäscheleine gefallen sind.
Mein Leben ohne mich von der spanischen Regisseurin Isabel Coixet (Things I never told You) hat etwas von einem Einkaufszettel der letzten Dinge. Oder auch einer behutsamen Sterbebegleitung, die alle Pflegedienste der Todkranken selbst überlässt. Denn Anne nimmt sich vor, ihre Krankheit für sich zu behalten. Ihre Gedanken will sie nicht länger zwischen Kinderlärm und Reinigungsarbeiten verlieren, deswegen hält sie sie nun in einem Logbuch fest. „Was ich noch tun will, bevor ich sterbe“, notiert Ann und bestellt sich feierlich am frühen Morgen ein dickes Stück Torte. Eine neue Frisur muss her, wenigstens ein Satz falscher Nägel. Dann gibt es noch so viel zu essen, zu trinken und zu rauchen. Einmal Sex mit einem anderen als dem eigenen Mann. Glückwünsche für all die kommenden Geburtstage ihrer Töchter müssen aufgezeichnet werden. Don braucht eine neue Frau, die Mädchen brauchen eine Ersatzmutter. Und dann ist da noch der unbekannte Vater im Knast. „Sterben ist nicht so einfach, wie es aussieht“, stellt Ann fest und begegnet den Anforderungen mit der Sortiertheit einer routinierten Managerin.
Isabel Coixet gestaltet Anns Todesvorbereitungen so leise und unspektakulär, als sei ihre Protagonistin ein Theatergast, der sich vorzeitig durch einen Nebenausgang aus der Aufführung schleicht. Kein donnernder Countdown, nichts wird überhöht oder mit dem Nimbus eines lustvollen Abschiedsschmerzes überzogen. Ein Schrubber bleibt ein Schrubber, ein Kuss ein Kuss. Die Koordinaten in Anns Dasein verrutschen nicht in heilige Tragik. Auch wenn sie sich in einen Fremden verliebt und beginnt, Kleinigkeiten einen anrührenden Mehrwert zuzuschreiben. Im Supermarkt choreografiert Anns Fantasie die schlecht gelaunte Geschäftigkeit von Kassiererinnen und Kundschaft zu einem Ballett der aufgekratzten Lebensfreude – Szenen, in denen Coixet ihrer Heldin kleine Ausbrüche aus ihrem stillen Martyrium genehmigt. Doch Anns fürsorgliche Maßnahmen, der eigenen Familie alle Vorbereitungen auf das Leben ohne sie abzunehmen, gehen nicht in engelsgleicher Sanftmut auf. Sie stehen stets im Widerstreit mit einem Bemühen, unvergängliche Zeichen einer ablaufenden Präsenz auszulegen, und mit ihrer Lust, eine Hand voll Geheimnisse zu hinterlassen. So entwickelt Coixets Film aus Selbstvergessenheit und Selbstbewusstsein eine seltsame Leichtigkeit, die mit Sarah Polley (Das süße Jenseits, Das Reich und die Herrlichkeit) ein wunderbares Gesicht bekommt. Eines, in dem die Zerbrechlichkeit einer Leidenden und die Kraft einer erprobten Kämpferin zu sehen sind. Immer wieder sorgen die Züge dieser Schauspielerin für eine Ambivalenz, die der Regie viel Differenzierungsarbeit abnimmt. Selten öffnet sich in Mein Leben ohne mich eine Einstellung mit Aussicht. Autobahnzubringer verbauen den Blick. Oder ein paar verlassene Tortenstücke, die in einer Vitrine im Kreis fahren. Und wenn Ann sich barfuß mit geschlossenen Augen in den Regen stellt, hat das nichts von einer transzendentalen Erfahrung. Eher ist es ein Bild schlichter Traurigkeit, das sie selbst mit „This is You“ nüchtern aus dem Off betitelt. Es bleibt der einzige autistische Moment, den sich die Verschwindende leistet.
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- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 04.09.2003 Nr.37
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