In China, berichtete die Berliner Boulevardzeitung BZ im August, fließt ein Fluss einen 60 Meter langen Hügel hinauf. Auf einer philippinischen Straße in der Nähe von Los Baños rollen Autos im Leerlauf bergan. Auch auf der Strazacka-Straße im polnischen Kurort Karpacz am Fuß der Schneekoppe kann man Gegenstände scheinbar gegen die von der Schwerkraft vorgegebene Richtung kullern lassen. Weitere seltsame Hügel gibt es in Italien, in Kanada und natürlich in den USA. Das Naturschauspiel ist beeindruckend, und die Bürgermeister der betroffenen Orte versuchen mit mehr oder weniger großem Erfolg, die seltsamen Berge als Touristenattraktion zu vermarkten.

Was geht da vor? Sicherlich nicht das, was die BZ ihren Lesern als Erklärung verkaufte: Demnach hätten "Physiker" unter dem Hügel ein starkes Magnetfeld lokalisiert. Das ist schon allein deshalb Unsinn, weil die geheimnisvolle Kraft auch auf nichtmagnetische Materialien wie Kunststoff und Wasser wirkt. Seit Jahren brüten Hobbyforscher daher über anderen möglichen Erklärungen: Manche meinen, an den "magischen" Orten herrsche eine geheimnisvolle "Gravitationsanomalie"; andere halten das ganze Phänomen schlicht für eine optische Täuschung.

Doch wie beweist man das wissenschaftlich? Will man etwa die These von der gestörten Schwerkraft prüfen und untersucht dazu den Hügel mit einer Wasserwaage, so zeigt diese ein Gefälle an, wo es scheinbar bergauf geht. Aber was beweist das schon? Die Wasserwaage würde ja auch der eventuell gestörten Schwerkraft unterliegen. Anomaliegläubige Hobbyforscher vermessen daher die seltsamen Straßen mit GPS-Geräten, bestimmen lokal die Schwerkraftkonstante und glauben, dabei Veränderungen des Gravitationsfelds zutage zu fördern, die manchmal sogar angeblich zeitlich pulsieren.

Solche Erklärungen, für die die gesamte moderne Physik inklusive Einstein über den Haufen geworfen werden müsste, sind Luigi Garlaschelli seit zehn Jahren ein Dorn im Auge – seit er an einer gewundenen Bergstraße nahe des italienischen Örtchens Montagnaga in der Provinz Trento selbst die scheinbar umgekehrte Schwerkraft erfahren durfte. Der Chemiker von der Universität Pavia ist Mitglied der italienischen Skeptiker-Vereinigung, die parawissenschaftliche Umtriebe kritisch beäugt. Für Garlaschelli war klar: Es muss eine weniger spektakuläre Erklärung für das Phänomen geben, die wahrscheinlich mit der menschlichen Wahrnehmung zu tun hat. Wie leicht diese sich über die wahren Verhältnisse von unten und oben täuschen lässt, beweisen zum Beispiel die "schiefen Häuser" in Vergnügungsparks, in denen auch die Schwerkraft scheinbare Kapriolen schlägt.

Garlaschelli nahm sich vor, die optische Täuschung der "Magnethügel" im Labor zu reproduzieren. An der Universität von Padua fand er Verbündete in Gestalt der Psychologin Paola Bressan und ihrer Doktorandin Monica Barracano, die sich mit Wahrnehmungstäuschungen beschäftigen. Garlaschelli selbst bastelte aus Sperrholz einen etwa 2,40 Meter langen und einen Meter breiten Guckkasten, in dessen Innerem verschieden geneigte "Straßen" mittels verstellbarer Holzbretter simuliert werden konnten. Studenten schauten nun durch ein Loch in die Kiste und mussten jeweils angeben, welches Stück "Straße" sie als abschüssig, ansteigend oder eben empfanden.

Im ersten Versuch wurden drei sich verjüngende Bretter hintereinander angeordnet und mit Scharnieren verbunden. Wurde das erste und das dritte Brett stark bergab geneigt und das mittlere weniger stark – dies entspricht der Situation am "Gravity Hill" im US-Staat Pennsylvania –, dann empfanden 16 von 20 Testpersonen das mittlere Stück fälschlicherweise als ansteigend, die anderen vier noch als eben. Offenbar "übersetzt" das Gehirn den relativen Unterschied der Neigungen in eine absolute Steigung des mittleren Abschnitts. Kehrt man die Situation um, lässt also die Straßen ansteigen, so ensteht übrigens längst nicht so ein großer Täuschungseffekt.

Im zweiten Versuch wurden nur noch zwei hintereinander liegende Bretter verwendet und acht verschiedene Kombinationen von Steigungen getestet. Das Ergebnis: Die Beurteilung der Steigung des ersten Abschnitts war von der Steigung des zweiten Abschnitts abhängig. Die größte Fehlwahrnehmung entstand, wenn das erste Brett leicht anstieg und das zweite stark. Dann wurde nämlich das erste als abschüssig wahrgenommen. Eine Täuschung, wie sie zum Beispiel am "Spook Hill" in Florida vorliegt, wo das Phänomen auch als "Fluch des Indianerhäuptlings" bezeichnet wird.

Schließlich gelang es den Psychologen auch, die frappierende Täuschung an der Bergstraße von Montagnaga zu reproduzieren. Von der fraglichen Stelle aus führen zwei Straßen nach unten, eine mit zehn Prozent Gefälle und eine mit einem Prozent – die flachere scheint aber bergauf zu gehen. In Garlaschellis Guckkasten wurden dazu zwei dreieckige Bretter so angebracht, dass sie vorne vom selben Punkt ausgingen und sich in unterschiedlicher Neigung nach hinten verjüngten. Sieben von acht Testpersonen fielen auf die Täuschung mit den zwei unterschiedlich abfallenden Brettern herein und sahen fälschlich eine ansteigende Straße.