BiografienDas Wunderkind

Theodor W. Adorno, zum Hundertsten: Wie ihn die Biografen sehen von Ludger Lütkehaus

Drei auf einen Schlag. Biografien. Über den vehementen Kritiker des "Biographismus". Dazu reichlich Bildmonografien. Über den Erneuerer des Bilderverbots. Zusammen an die 3000 Seiten. Fortsetzung der von ihm so innig geschmähten "Kulturindustrie" als Biografie-Industrie? Zugleich Rache des bürgerlichen Subjekts, das jene Zurichtung, die ihm in der Identitätsbildung angetan wurde, in der Biografieproduktion reproduziert? Oder, nach Jahren abgeflauten Interesses, überdeckt von Adorno-Scholastik und -Edition, eine imposante Renaissance?

Jedenfalls gehörte er nicht zu den "vielen", bei denen es nach der bösen Diagnose der Minima Moralia "bereits eine Unverschämtheit" ist, "wenn sie Ich sagen", wahrhaftig nicht. Und wenn er auch spröde gegen das "Ich"-Sagen blieb, so verhielt er in selbstparodistischem Übermaß zur Reflexionsform des nachgestellten "sich" sich.

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Wie man es von Autoren erwarten darf, die die von Adorno gesetzten Maßstäbe nicht unterbieten wollen, sind allen Biografien die Probleme biografischen Schreibens über ihn präsent. Stefan Müller-Doohm und Detlev Claussen, beide Adorno-Schüler, outen sich gar als Biografen mit schlechtem Gewissen. Claussen und Lorenz Jäger haben das gleiche symptomatische Titelbild gewählt: Adorno im Fotostudio, gesehen im Spiegel, ein Bild im Bild und vom Bild, in der wiederholten Spiegelung potenzierte Ikone und eigenwilliger Kommentar zum Bilderverbot zugleich.

Die Auseinandersetzung mit den Problemen einer Adorno-Biografie führt bei Claussen, der lieber nur von "biographischen Momenten" spricht, auf Zentralmotive der Kritischen Theorie. Die "Kulturindustrie" reduziert das Werk auf Leben und Person des Urhebers. Es gibt nach Adorno aber keine Geschichte eines individuellen Lebens mehr, wo "der Begriff des Lebens selber als einer aus sich selbst entfaltenden und sinnvollen Einheit gar keine Realität mehr hat", wo die Erfahrung entwertet und das "Individuum" irreversibel beschädigt sind. Der "Trug konstitutiver Subjektivität" ist dahin. Wenn es nach dem meistzitierten Satz der Minima Moralia "kein richtiges Leben im falschen" gibt, so gibt es auch nur eine schon als Form falsche Biografie. "Nichtidentität" lautet in der Negativen Dialektik das Menetekel. Mit Adornos umstrittenstem Satz gesagt: Nach Auschwitz lassen sich auch keine individuellen Biografien mehr schreiben.

Die Bravissimo-Version des Intellektuellen

Nun haben aber die Biografen geschrieben, und sie haben recht daran getan, problembewusst, wie Adorno überaus arbeitsam, Adorno-nah und Adorno-kritisch, stilistisch gottlob nicht adornierend, adorierend und so unterschiedlich, dass sich trotz der unvermeidlichen Wiederholungen eine komplementäre Lektüre lohnt. Die Komplexität der Person, die ungeheure Spannweite des Künstlers und des Wissenschaftlers, des Philosophen, des Soziologen, des Komponisten. Ästhetikers, Musik- und Literaturinterpreten, teilt sich in allen Biografien mit.

Stefan Müller-Doohms Suhrkamp-offizielle Biografie ist die orthodoxeste, linearste. Mit ihren 1000 Seiten hat sie ein ähnliches Amplifikationsverhältnis zu ihrem redundanzfeindlichen Sujet wie James Knowlsons Beckett-Biografie. Die Neigung, die Sprache der akademisch verwalteten Welt "zum Tragen zu bringen", den Gegenstand und den Leser mit Referaten in indirekter Rede zu erschöpfen und eine Fülle selbst gestellter Fragen so zu beantworten, dass die Antwort "außer Zweifel stehen darf", folgt just nicht dem von Adorno hoch geschätzten "Lustprinzip des Gedankens". Aber Müller-Doohm beeindruckt im Laufe der Lektüre immer mehr durch die Gründlichkeit der Recherche bei einem leider nach wie vor erschwerten Zugang zu den Quellen, durch riesigen Fleiß und die Fülle der Ergebnisse. Man kann mit seiner Biografie arbeiten. Und man weiß stets, wo man gerade ist.

Das lässt sich bei Claussens Neigung zur Sprunghaftigkeit nicht sagen. Die als Gegengewicht eingesetzte leitmotivische Technik in den Spuren Wagners und Thomas Manns ist um Strukturierung bemüht, unterbietet indes Adornos musikalischen Modernismus. Aber das Werk ist gehaltvoll und anregend. Entschiedener als die Biografie von Müller-Doohm zielt es auf eine philosophisch weit gefasste "soziale Biographie", in der die Lebensgeschichten, Plural!, wie in einem Palimpsest überschrieben sind – Verdichtung eines "Jahrhunderts der Extreme". Das von Adorno geforderte "Denken in Konstellationen" soll den biografischen Reduktionismus vermeiden und die durch Kursivierung hervorgehobenen Texte "zum Sprechen bringen" (was sie freilich schon von sich aus schon tun).

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