An diesem "Denken in Konstellationen" orientiert sich ebenfalls die "politische Biographie" von Lorenz Jäger. Aber sie steht der Schülertreue fern, der Claussen und Müller-Doohm indes auch nicht affirmativ folgen. Adorno figuriert als die "Bravissimo-Version des Intellektuellen". Das Urteil über ihn verbindet die Momente, die Jäger Adorno selbst zuschreibt: "Scharfsicht und Verkennung." Adorno trifft nach Jäger – immerhin – öfters "etwas", "einen Wahrheitskern". Aber seine Grenze soll die einer säkularisierten Moderne sein. Tatsächlich ist deren Grenze nur von wenigen, vielleicht nur noch von Heidegger, so entschieden markiert worden wie vom Koautor der Dialektik der Aufklärung. Ohne Pardon wird Adorno von Jäger abgestraft für seine Amalgamierung von Marxismus und Psychoanalyse. Als Schule des Verdachts wird die Psychoanalyse selbst verdächtigt: Sie diene dazu, politische Auseinandersetzung in charakterologische Denunzierung zu verwandeln. Da will sich denn auch der Kritiker nicht lumpen lassen.

Bangemachen gilt nicht, das war sein Motto

Aber Adorno ist nicht nur Sujet einer sozialen oder politischen Biografie. Es stimmt fast schon heiter, sich ihn als "soziale Kategorie" (Müller-Doohm) vorzustellen. Gerade in der "Nichtidentität", die seinen Lebensstil, seinen Denk- und Sprachstil so bestimmt, dass kein Begriff und keine Position vom dialektischen Rotationsprinzip unberührt bleibt, war er in höchstem Maß identisch. Gewiss, der Adorno-Sound konnte zur Mode werden, akademische Kulturindustrie, Jargon der Uneigentlichkeit. Aber wie hört man heute wieder die unverwechselbare intellektuelle Melodie seiner Sätze, gemischt aus Konjunktiven, Fremdwörtern und Reflexivpronomina! Adorno war fürwahr ein "Dieser".

Deswegen korrespondiert bei Claussen dem Kapitel über den "Nichtidentischen" eines über den "Identischen". Deswegen ist es legitim, auf die von Adorno keineswegs nur entmächtigte individuelle Erfahrung zurückzugehen. Deswegen sind die dem "doppelten Exil" (Müller-Doohm) der amerikanischen Emigration zu dankenden Minima Moralia Adornos erfahrungsreichstes Buch, in der Tat "Reflexionen aus dem beschädigten Leben". Deswegen pflegt der exilierte und heimkehrende wie schon der frühreife Adorno das Tagebuch; die textreiche Bildmonografie dokumentiert das. Und deswegen gilt für Adorno kein Bilderverbot.

Die charakteristischste Spur dieses identischen "Nichtidentischen" ist an dem abzulesen, was bei Adorno wie sonst nur noch bei Kierkegaard Bedeutung trägt: an den Namen. Alle Biografien widmen ihnen eingehende Aufmerksamkeit. Der familiäre Doppelname, unter dem Theodor Wiesengrund-Adorno als katholisch getaufter Sohn einer katholischen Mutter, der Sängerin Maria Calvelli-Adorno, und eines jüdischen Vaters, des Weingroßhändlers Oscar Wiesengrund, firmiert, klingt wie der Titelname einer zwischen Künstler und Bürger oszillierenden Novelle im Stil Thomas Manns. Tatsächlich hat Mann den deutschen "Wiesengrund", einem "seelenvollen Rufe" gleich, als wahren Komponisten seines Doktor Faustus in diesen Roman hineinkomponiert. Fantasie und Großmannssucht des Heranwachsenden ergehen sich freilich noch lieber in der korsisch-genuesischen Genealogie der Calvelli-Adorno della Piana – Adorno als Kind mit Dogge, in der Rolle des künftigen Dogen.

In der Emigration wird der "Wiesengrund" zum "W." abgekürzt oder auf der Naturalisierungsurkunde ganz gestrichen. Adorno heißt fortan nicht mehr "im Namen des Vaters". Soma Morgenstern hat darin den Versuch gesehen, aus Karrieregründen "den jüdischen Wiesengrund abzumähen". Aber diese Deutung ist vom bösen Blick inspiriert. Immerhin wird Adorno fortan bei Kollektivpublikationen als alphabetisch Erster genannt.

Beim Vornamen wird der Kosename "Teddie" von der Rooseveltschen Form mit dem Ypsilon, die dem Musterschüler von seinen Klassenkameraden als Spottetikett angeheftet wird, durch das deutsche "ie" geschieden, der persönlichste Name bleiben – Inbild einer Kindheit, aus der Adorno wie unter den Zeitgenossen nur noch Walter Benjamin lebt. "Teddie" ist der Name seines frühen Glücks, nicht machtgeschützter, sondern familienbeschützter Innerlichkeit, eines Glücks, das sich noch in der negativsten Dialektik als Vorschein sonst bilderlos bleibender Hoffnung erhält. Die "Heimat", die nach dem Schlusssatz des Prinzips Hoffnung "allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war" – Adorno war in ihr, unerachtet aller frühen Melancholie. Kindheit ist der Stand, "in dem einem weniger passierte", "Umfangensein, Nachbild der Geborgenheit in der Mutter". Das Kindheitsmotiv gewinnt in allen Biografien herausragende Bedeutung: Vor diesem immer präsent bleibenden Hintergrund muss man Adorno lesen.