BriefwechselVon der Herstellung heiliger Texte

Adornos Korrespondenz mit seinen Verlegern Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld von Ludger Heidbrink

Das verlegerische Geschäft gehört nicht unbedingt zu den aufregendsten Tätigkeiten. Der Alltag ist geprägt von Kalkulationen, Programmplanungen, der Lektüre der Manuskripte und der Betreuung von Autoren, denen es meist darum geht, dass ihre Texte möglichst schnell, in gelungener Aufmachung und zu akzeptablen Preisen auf den Markt kommen.

Im Fall Theodor W. Adornos sieht die Sache anders aus. Wer das Bild des Philosophen vor Augen hat, der auf zahlreichen Fotos mit einer Mischung aus kindlichem Erstaunen und weltferner Verträumtheit in die Kamera blickt, vermutet nicht die Klugheit und das leidenschaftliche Engagement, mit denen Adorno sich um verlegerische Angelegenheiten zu kümmern pflegte: Der Briefwechsel mit Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld zeigt den Intellektuellen als publizistische Ich-AG und sozialkritischen Entrepreneur, der seine Ideen und Schriften zu managen und vermarkten wusste.

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Schon im ersten Brief vom 7. Februar 1950 bittet Adorno um einen "hübschen Pelzmantel" für seine Frau Gretel, den ihm Suhrkamp in Berlin "mit den etwa eroberten Ostmark" besorgen möge. "Wenn die Sache mit dem Mantel nicht geht, dann lauter Bücher, die ich dann an Freunde und Interessierte verteilen könnte." Aus dem Pelz-Geschäft wurde zwar nichts, aber dafür entsteht eine freundschaftliche Beziehung zwischen Suhrkamp, der nach der Trennung von Fischer Mitte 1950 seinen eigenen Verlag gründet, und dem 1949 aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrten Adorno, der zu einem der prominentesten Sozialphilosophen der Nachkriegsrepublik aufsteigt.

Welchen großen Anteil der Suhrkamp Verlag an diesem Aufstieg hat, machen die Briefe eindrucksvoll deutlich. So kümmert sich der "liebe Peter" (es bleibt indes beim Sie) vorbildlich um den "lieben Teddy", schickt ihm die neuesten Bücher, knüpft Kontakte mit ausländischen Verlagen und bittet ihn um Rat zu Autoren. Auch der Gesundheitszustand Adornos liegt Suhrkamp am Herzen, nach einem der Treffen ermahnt er ihn: "Ihr Aussehen hat mich sehr erschreckt. Ich glaube, Sie dürfen nicht weiter derart Raubbau mit sich treiben."

In der Tat ist die Produktivität Adornos ungeheuer. Schlag auf Schlag erscheinen die Minima Moralia, der Versuch über Wagner, die Prismen, Dissonanzen und Noten zur Literatur. Hinzu kommt die mühsame Herausgabe der Schriften Walter Benjamins, die zwischenzeitlich aufgrund von Einwänden des Lektors Friedrich Podszus unterbrochen werden muss. Bedenken treffen auch Adornos eigene Schriften: Bei den Noten bemängelt Suhrkamp den "ungleichmäßigen" Charakter der Texte und schlägt vor, mit der Veröffentlichung zu warten, "bis die Zeit für den großen Essay oder gar ein geschlossenes Buch" reif sei.

Adorno ist "betrübt und enttäuscht", bleibt in der Sache jedoch hartnäckig. Mit einem Hang zur Pedanterie greift er in die Herstellung seiner Texte ein. Seine Korrekturen umfassen Satzfehler, Typografie und Gestaltung des Umschlags, ganze Passagen werden nachträglich geändert und umgestellt. Adorno verfasst Waschzettel für seine Bücher, erstellt Listen mit potenziellen Rezensenten, macht Vorschläge für Zeitungen und Sender. Unliebsamen Kritikern wünscht er schon einmal, dass man ihnen etwas "auf die Goschen gäbe".

"Bitte verzeihen Sie den Materialismus"

Vor allem aber zeigt sich Adorno, der 1956 eine ordentliche Professur erhält, in finanziellen Angelegenheiten unnachgiebig. Die vertragliche Festlegung von Vergütung und Vorschüssen wird mit Argusaugen überwacht, auf Freiexemplare und regelmäßige Abrechnungen legt er höchsten Wert. Als Suhrkamp ihm für den Vortrag Lyrik und Gesellschaft auf einem Verlagsabend 50 Mark weniger anbietet als die geforderten 200 Mark, bleibt Adorno hart, obgleich er den Vortrag schon zweimal gehalten hat. In einem Brief von 1962 an Siegfried Unseld erklärt er: "Bitte verzeihen Sie den Materialismus. Ich denke, es ist besser, materielle Interessen auszusprechen, als sie verschwiegen zu verfolgen; dann erst nehmen sie etwas Vergiftetes an."

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