Unseld ist es auch, der sich 1954 einen Rüffel einfängt, als er Kürzungen an einer Proust-Besprechung vornimmt, die in dem Verlagsorgan Dichten und Trachten erscheint. Trotzdem entwickelt sich zwischen Adorno und ihm, der 1959 nach Suhrkamps Tod Verlagsleiter wird, ein vertrauensvolles Verhältnis, das von Respekt und Verbundenheit getragen wird. In diese Zeit fällt die kreativste Phase Adornos. Unter Unselds Regie erscheinen über 14 Titel, darunter Mahler , Eingriffe , Jargon der Eigentlichkeit , Negative Dialektik und Ohne Leitbild.

Unseld ist daran gelegen, "philosophische Texte zu Preisen vorzulegen, die eben für den kleinen Geldbeutel erschwinglich sind", wie er 1962 an Adorno schreibt, ein Plan, der zur Gründung der edition suhrkamp führt. Er sucht die Unterstützung Adornos für die Stiftung Deutscher Literatur-Preis, für eine philosophische Reihe mit dem Titel Logos und eben die Gesamtedition der Schriften Benjamins. Umgekehrt regt Adorno den Neudruck der Musiksoziologie Webers, der Berliner Spaziergänge von Franz Hessel und eine verbilligte Ausgabe seiner musikphilosophischen Schriften an, wenn auch ohne Erfolg. Nach Hinweisen auf die Kosten sieht Adorno sich gezwungen, sich fortan mit Korrekturen zu mäßigen.

Nach der Besetzung des Instituts für Sozialforschung und der Störung seiner Vorlesung durch barbusige Studentinnen schreibt Adorno in einem Brief vom März 1969, dass "in den letzten Tagen etwas mehr hereingebrochen ist, als, so scheint es, meiner Widerstandsfähigkeit entspricht". Im Juli schickt er die korrigierten Fahnen der Stichworte an den Verlag, fährt mit seiner Frau in den jährlichen Urlaub nach Visp in der Schweiz, wo er am 6. August an einem Herzinfarkt stirbt.

Zum Ende der sechziger Jahre wandelt sich das politische Klima, von dem ansonsten in den Briefen so gut wie keine Rede ist. Adorno beteiligt sich an einem Aufruf gegen den Einmarsch der Ostblock-Streitkräfte in Prag, einer Gesprächsrunde in Unselds Haus über die Lage der linken Intelligenz und einer Podiumsdiskussion über "Autoritäten und Revolution", die während der tumultösen Buchmesse 1968 abgehalten wird. Erholung von den "grausligen Tagen" findet Adorno durch "intensivste Arbeit an der Ästhetik ", während er Pläne für eine Fortsetzung der Minima Moralia mit dem Titel Graeculus schmiedet. Nach einem gemeinsamen Tee reden sich beide mit ihren Vornamen an, und Adorno verspricht Unseld "seine volle Solidarität", als es im Verlag zum basisdemokratischen Aufstand der Lektoren kommt.

Adorno war, wie Unseld es in seiner Laudatio zum 60. Geburtstag ausdrückte, "kein bequemer Autor für den Verleger", aber durch "die erstaunlichste Selbst- und Werkdisziplin" geprägt, "die ich kenne". Möglicherweise liegt neben den Studentenunruhen in der atemlosen Produktivität Adornos ein Grund für seinen frühen Tod. Die Briefe jedenfalls offenbaren den Philosophen als unermüdlichen Unternehmer, der seinen Marktwert kannte und sich zugleich weit genug vom kulturindustriellen "Betrieb" fernhielt, um seine Mechanismen analysieren zu können. Das "einzige, woran ich wirklich Freude habe", gesteht Adorno 1956 in einem Brief an Peter Suhrkamp, "ist eben doch die Herstellung ‚heiliger Texte‘. Wenn diese Texte allmählich anfangen, ein gewisses Eigengewicht anzunehmen, so weiß niemand besser als ich, wieviel dieses scheinbaren Eigenwichts Ihnen, Ihrer Solidarität und Freundschaft zu verdanken ist."