Was zählt schon die Privatsphäre? Immer öfter werden unsere Daten und Bilder gespeichert, um uns vor vermeintlichen Verbrechen zu schützen. Und immer seltener protestieren Bürger und Presse gegen diese Ausspähung. Viele Leute verzichten sogar freiwillig auf den Datenschutz zugunsten von kleinen Rabatten durch Kundenkarten. Sie dienen vielen Unternehmen vor allem dazu, ausführliche Verbraucherprofile anzulegen – die Konsumenten sollen zielsicherer als bisher mit Werbung zugemüllt werden.

Auch wenn in der breiten Öffentlichkeit kaum noch über derartige Praktiken diskutiert wird, hat sich in letzter Zeit eine Reihe von Künstlern und Hackern dieses Themas angenommen und beschäftigt sich in immer neuen Aktionen mit den um sich greifenden Überwachungsgelüsten. So hat die Bielefelder Datenschutzgruppe Foedbud, hinter der die Künstler Padeluun und Rena Tangens stehen, ihre eigene Rabattkundenkarte, die so genannte Privacy-Card, entwickelt – eine echt wirkenden Plastikkarte mit Magnetstreifen, mit der man bei Geschäftsketten wie Kaufhof oder Rossmann einkaufen und an deren Bonuspunkte-System teilnehmen konnte. Die Rabatte wurden allerdings nicht den Käufern gutgeschrieben, sondern dem Foedbud. Der Verein lobte sich selbst: "So schützen Sie Ihre Privatsphäre, da Ihre Einkaufsgewohnheiten nicht mit Ihrem Namen verknüpft erfasst und gespeichert werden, und Ihre Rabattpunkte dienen einem guten Zweck, da sich der Foedbud e. V. um Datenschutz und Verbraucherinteressen in der vernetzten Gesellschaft kümmert." Mittlerweile hat das Münchner Landgericht die Aktion untersagt, doch konnte so die Gruppe vor Gericht und Medien einmal die tatsächliche Funktionsweise von Bonuspunktekarten darstellen.

Die stärkste Bedrohung der eigenen Privatsphäre geht freilich von den Videokameras aus, die immer selbstverständlicher den öffentlichen Raum und viele private Unternehmen überwachen. Spätestens seit dem 11. September sind vage Ängste vor terroristischen Anschlägen ein gängiges Argument dafür geworden, die Kontrolle voranzutreiben. Auch die Angst vor "immer weiter zunehmender Kriminalität" hat dazu beigetragen, dass gerade die Videoüberwachung in Geschäften, Fußgängerzonen oder Bahnhöfen eine wesentlich größere Akzeptanz genießt als noch vor zehn Jahren.

Inzwischen gehört die Sicherheitsindustrie wegen der regen Nachfrage nach Überwachungssystemen zu den wenigen Branchen, die trotz weltweiter Wirtschaftsflaute kräftige Gewinne einfahren. Ungeachtet der Proteste von Datenschützern und obwohl statistisch nicht nachzuweisen ist, dass Videokameras an "gefährlichen Orte" tatsächlich Verbrechen verhindern, werden zurzeit Spionagekameras an allen möglichen und auch einigen ziemlich unmöglichen Orten aufgehängt. An der Berliner Humboldt-Universität etwa mussten die Studenten erst mit einer Klage drohen, damit die Verwaltung die Überwachungskameras aus den Hörsälen entfernte.

Dass sich die bespitzelten Subjekte dagegen wehren, dass ihr Lebensraum zu einem Panoptikum umgebaut wird, ist freilich eine neue Qualität in der Auseinandersetzung darum, wie viel Privatheit im öffentlichen Raum noch möglich ist. Die kanadische Gruppe Citizenlab wollte die ununterbrochene Überwachung nicht länger hinnehmen, sondern fotografierte zurück: Am 24. Dezember des vergangenen Jahres rief sie über ihre Website Leute in der ganzen Welt dazu auf, versteckte Überwachungskamera zu fotografieren. Anschließend wurden die Bildern im Internet veröffentlicht. In einem amerikanischen Shopping-Center entdeckte ein aufmerksamer Fotograf immerhin 63 Kameras, zum Teil versteckt hinter Fenstern, in Beleuchtungskörpern und Rauchmeldern.

Zu den Gruppen, die bereits seit längerem gegen die zunehmende Ausspähung der Bürger aktiv ist, gehören die Surveillance Camera Players (SCP) aus New York. Seit Mitte der neunziger Jahre führen sie vor Überwachungskameras in Shopping-Malls und U-Bahn-Stationen stumme Kurzversionen von Stücken wie Warten auf Godot auf, "damit es den Leuten vor den Überwachungsmonitoren nicht so langweilig ist", wie Bill Brown von den SCP mit einem Augenzwinkern sagt. Tatsächlich wendet sich die Gruppe eher in der Tradition von politischem Straßentheater an die Passanten. Die werden von ihnen auch gleich mit Flugblättern vor den gut getarnten Kameras versorgt.

"Wir wollen die alltägliche Routine der Leute unterbrechen", sagt Brown, "und ihnen zeigen, dass es keinen Grund gibt, sich von diesen Kameras einschüchtern zu lassen. Außerdem wollen wir zeigen, dass nicht alle Proteste laut und langweilig sind, sondern dass man das auch mit Humor tun kann." Dass sie eher mit Witz als mit Zitaten aus George Orwells 1984 an ihr Thema herangehen, haben die Surveillance Camera Players mit einer Reihe von anderen Künstlern und Aktivisten gemeinsam, die sich mit der Überwachung des öffentlichen Raums beschäftigen. Anders als Künstler wie Julia Scher oder Ingo Günther, die sich bereits in den achtziger Jahren mit Videoüberwachung befassten, fehlt ihnen auch jeder Respekt vor der Technologie.

Der kanadische Künstler und Universitätsprofessor Steve Mann hat sich sogar gleich komplett in Technik eingehüllt. Der Cyborg Marke Eigenbau sieht seine Umwelt nur noch über die Monitore, die er in seine Brille eingebaut hat; die Bilder stammen von einer Miniatur-Videokamera, die er auf der Stirn trägt. Dass macht das Gehen zwar nicht gerade leichter, und auch in Supermärkten und Einkaufszentren hat ihn der Sicherheitsdienst schon des Öfteren des Hauses verwiesen. Aber gerade solche Reaktionen will Mann als wandelnde Elektroinstallation erreichen: "Wenn die mich filmen können, kann ich sie auch filmen. Ich mache Überwachung von unten. Meine WearCam gibt mir eine Form der persönlichen Sicherheit, die sich bisher nur das Establishment leisten konnte."