BriefeAn den Nilquellen

Theodor W. Adornos Briefe an die Eltern sind von Tieren bevölkert. Eine anrührende Lektüre von 

Der Mann, der nach 1945 die Philosophie vom Schönen und von der Natur neu begründete, hat seiner 82-jährigen Mutter in feierlichen Kapitälchen den Ehrentitel der "Urwundernilstutengreisin" verliehen. Im Privaten, in den Briefen, die nun aber für jedermann zu lesen sind. Schon vor deren Erscheinen zum 100. Geburtstag am 11. September haben die Gazetten genüsslich erläutert, dass dieser Theodor W. Adorno, Philosoph des Zivilisationsbruchs, ein infantiler Narziss war, ein kleiner Mann von dicklichem Format mit absonderlichen Vorlieben. Haben einem da noch Nilpferd-Fantasien gefehlt?

"Der kommt uns nicht ins Haus", hat die Philosophin Hannah Arendt über jenen Adorno gesagt, der es an Solidarität fehlen ließ, weil er darauf achtete, was dem eigenen Fortkommen zuträglich war. Die 262 erhaltenen Briefe, die der Philosoph über 12 Jahre hinweg im Exil seinen Eltern schrieb, 550 dicht gedruckte Seiten voll, sind dennoch eine merkwürdig anrührende Lektüre.

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Sie führt einen, mitten in den Jahren der nationalsozialistischen Verbrechen, in einen Karneval der tierischen Grotesken, in einen fantasierten Kosmos von übertriebenen Kreaturen, die diese Briefe bevölkern und den alten Eltern einen Ersatz für Heimat, dem Kind eine zweite Herkunft schaffen – Nilpferde mit ihren unförmigen Leibern, Giraffen mit den endlosen Gliedern, urzeitliche Mammuts, Pferde, die auch Rosinanten heißen wie der Klepper des Nachkommen aller Helden, Don Quichotte. Rosinante! Es geht noch bizarrer: "Rossilein". Die Namen all dieser Viecher haben die Adornos – zärtlich – nur nahe stehenden Menschen verliehen. Voran sich selbst.

Der Freund Max Horkheimer heißt das Mammut. Zusammen mit dessen Frau Maidon: die Mammuts. Gretel Adorno: Giraffe Gazelle. Zusammen mit ihrem Mann: die zwei Pferde oder Rosinanten. Theodor W. Adorno: Nilpferdkönig. Die Mutter: Nilstute. Der Vater: Wildschweinkönig, WK abgekürzt. Gretel, die sich in derselben Tiermetaphorik ausdrückt, nennt ihn bisweilen den "einzig lebenden Hauerwatz".

Viecher von uralter und sehr vornehmer Herkunft

Die Briefe beginnen 1939 in dem Moment, da der jüdische Frankfurter Weinhändler Oscar Wiesengrund und seine Frau Maria Calvelli-Adorno, eine Sängerin, Katholikin, der nationalsozialistischen Verfolgung eben noch entkommen und in Kuba gelandet sind. Adorno und seine Frau Margarete Karplus, Gretel genannt, waren bereits von London aus nach New York emigriert. Die Briefe erfahren 1940/41 eine einjährige Unterbrechung, als sowohl die Eltern wie auch die beiden jungen Adornos in New York leben, und sie enden 1951, kurz bevor die Mutter stirbt, die ihren Mann um beinahe sechs Jahre überlebte.

In den Jahren der Korrespondenz liegen mindestens die 3000 Meilen von der amerikanischen Ost- bis zur Westküste zwischen den Eltern und ihrem Kind, Telefon gibt es nicht, Besuche kaum. Die Verbindung existiert fast nur in diesen Briefen, die nun Christoph Lödde und Henri Lonitz minutiös kommentiert haben, im Privaten angemessen diskret, dafür im Blick auf die biografischen Zusammenhänge leider zu knapp. Neben dem wunderbaren Taschenbuch Kindheit in Amorbach , das Rainer Pabst zu danken ist (siehe Seite 53 dieser Ausgabe), sind diese Briefe an die Eltern die Neuerscheinung des Jubiläumsjahrs, die ein neues Bild zeichnet, um den Preis der Offenlegung des Nichtöffentlichen.

"Es gehört zu den symbolischen Untaten der Nazis, uralte Leute umzubringen", vermerkt in den Exil-Jahren ein Aphorismus Adornos in den Minima Moralia. "In solchem Klima stellt ein spätes und wissendes Einverständnis mit den Eltern sich her, das von Verurteilten untereinander, gestört nur von der Angst, wir möchten, selber ohnmächtig, einmal nicht fähig sein, so gut für sie zu sorgen, wie sie für uns sorgten, als sie etwas besaßen." Diese Briefe verkörpern die Form der Sorge, die Adorno möglich war.

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