Sie stellen die vorrangigen Fragen: Seid ihr warm angezogen? Ernährt ihr euch gut? Schützt ihr euch vor der Sonne? Die Briefe danken und schenken, sie erzählen vom Arbeitsalltag in der Emigration, in der sich die Adornos mit der Gesellschaft all der Manns und Brechts, Horkheimers und Pollocks, Garbos und Chaplins über die Fremdheit und Müdigkeit hinwegschmeicheln. Währenddessen zerren fortgesetzt Neuralgien und Ischias, schwere Erschöpfungszustände und Herzbeschwerden, Diabetes und Migräneattacken an der Gesundheit von Gretel und Theodor W. Adorno. Der sendet dennoch, kästnerhaft, als wäre andauernd Zeugnistag, den Eltern Berichte von seinem mustergültigen Arbeitsverhalten.

Von der Zusammenarbeit mit Thomas Mann am Doktor Faustus erzählt er und von dem Abstand, den die scheue Garbo zu Menschen stets hielt, und fast gar nichts erfährt man über Leute, die nicht schillernd berühmt sind. Immer wieder wird Adorno von zynischen Attacken gepackt, dann wird er ausfällig, geschmacklos, ob gegen die Kriegsopfer oder verhasste Familienmitglieder. Die Briefe sind auch als Dokument unpolitischen Hochmuts gegenüber der Demokratie aufschlussreich. Schließlich, nach der Rückkehr 1949, zeigen sie Adorno erschüttert über das zerstörte Frankfurt – "Trotz allem ist es Frankfurt und das Gefühl der Heimat stärker als alles andere" – und beglückt über die begabten Studenten, die nun massenhaft in seine Vorlesungen drängen.

Eindrücklich sind diese Briefe auch durch das, was sie nicht erzählen, was sie nicht zu sagen vermögen: Kaum eine Passage gilt der Vernichtung der Juden Europas. Der Ermordung von Freunden, Nachbarn, Bekannten. Kein Wort über den deutschen Widerstand. Kaum ein sprechendes Porträt entsteht durch die Worte dieses sprachgewaltigen Mannes, der seinen Eltern gegenüber doch alles aussprechen will: nicht das Bild seiner Frau, nicht die Züge eines Freundes, nicht das Gesicht eines Fremden. Es ist fast, als habe Adorno keinen Menschen je angesehen – außer den beredt umrissenen Schönen, die ihn sexuell in den Bann ziehen – und als habe ihm niemand etwas von sich mitteilen können, das der Rede wert wäre.

"Aber: wann schreibst Du mir einen individuellen Brief?", ärgert sich der Sohn gegenüber der Mutter. "Ist nicht überhaupt das Schreiben von Familienbriefen von allen an alle unmenschlich und macht jede wirklich spontane Äußerung unmöglich?" Seine eigenen Briefe jedenfalls schwanken im Ton. Oft klingen sie innig zugewandt, dann angestrengt "spontan", dann variieren sie nur die Formeln einer tradierten Familiensprache, die alles Vertrauliche per se unterbindet.

Die prekäre Zugewandtheit findet ihren Ausdruck in den Arabesken jener Tier-Mythologie, rein erfunden, in der eine aristokratische Herkunftsgeschichte der Lebewesen mit Adornos tatsächlicher Kindheit verschmilzt, als der Junge von "zwei Müttern" erzogen wurde, der leiblichen und deren Schwester. So entsteht eine Groteske der Zärtlichkeit: Dem Nilpferd Lieschen, das im Frankfurter Zoo seine animalische Existenz fristete, verdankt Adornos Mutter den Tiernamen. An dieses "Lieschen" erinnert der Sohn am 22. Mai 1948 im Brief an "Mumma, meine Nilstute". Zum 83. Geburtstag der Mutter rühmt er deren "paläontologische Würde", "ins Sagenhafte und gewissermaßen Mythische überzugehen, so wie Archinumba, Marinumbas Mutter, von der alle jene sprichwörtlichen Weisheiten wie ,Das Wichtigste für ein Nilpferd ist Ruh‘ stammen".

Ein Brief, der vom 7. März 1940, kennt die noble Natur-Historie dieser Fantasie: "Denn bei den Nilpferden herrscht Matriarchat und die Nilpferde heißen nach der Mutter. Z. B. Marinumba heißt nach ihrer Mutter, Archinumba von Bauchschleifer, während sein Vater Willibald von Climber heißt (weil er so gut am Ufer hochklettern kann). Wie Archibald geboren wurde, rief Marinumba aus: Willibald von Climber, komm mal schnell ebei, ich glaub, ich hab der en Nilpferdskönig geworfen (sie spricht Frankfurtisch). In diesem Sinn seid aufs innigste geküßt vom Nilpferdkönig Archibald, genannt der Niltrottel."

Kitschverdacht! Nein, hier wird, aus Lust, aus trauriger Neigung zur Kreatur, aus realhistorischer Erfahrung mit Humanität, ein Spiel mit Umbenennungen gespielt. Und eine Mythologie, in der menschliche Nilpferde und Mammuts, Giraffen, Gazellen und Pferde die Hauptpersonen sind, verrückt die Realhistorie ein wenig, verzerrt auch die eigene Herkunftsgeschichte ins Skurrile.