Das berühmte letzte Foto: Salvador Allende (mit Stahlhelm) tritt aus seinem Amtssitz, der Moneda, und blickt zu den angreifenden Flugzeugen hoch

Fotos: Reuters/e-lance media

General Augusto Pinochet mit Henry Kissinger (l.), der 1973 amerikanischer Außenminister war

Die Zeitzeugen sind sich einig: Es war die größte Demonstration, die Chile bis dato erlebt hatte. Vorsichtigen Schätzungen zufolge marschierten 700.000 Personen über die Alameda, den Prachtboulevard von Santiago, der Hauptstadt des Landes. Und immer wieder sangen sie ein Lied der populären Band Quilapayún, das mit dem Refrain endet: „El pueblo unido jamás será vencido!“ – Das geeinte Volk wird niemals besiegt! Das war am 4. September 1973, eine Woche bevor die Bomben fielen.

Was die Demonstranten nicht wahrhaben wollten: Das Volk war weniger geeint denn je, ein tiefer Riss ging durch die Gesellschaft. Drei Jahre zuvor hatte der damals 62-jährige Arzt Salvador Allende, der Kandidat des Linksbündnisses Unidad Popular, bei den Präsidentschaftswahlen mit 36 Prozent eine relative Mehrheit erhalten. Im Parlament, das verfassungsgemäß zwischen den beiden Bestplatzierten zu entscheiden hatte, votierten die Christdemokraten für ihn und gegen den Kandidaten der Rechten, dem 35 Prozent der Chilenen ihre Stimme gegeben hatten.

Die Rechte konnte sich mit der Wahl Allendes nie abfinden, und die Linke, vor allem Allendes eigene Sozialistische Partei, drängte auf die kompromisslose Verwirklichung des Programms der Unidad Popular. Kupferminen und Banken wurden verstaatlicht und eine Agrarreform begonnen. Das Kapital hielt sich mit Investitionen zurück, Transportunternehmer organisierten politische Streiks, und Frauen aus der Oberschicht schlugen auf Kochtöpfe, um gegen Versorgungsengpässe und Inflation zu protestieren. Fabrikarbeiter gingen daran, ihre Betriebe zu bewachen, und organisierten die Verteilung knapper Konsumgüter. Die rechtsradikale Patria y Libertad sabotierte Eisenbahnlinien und sprengte Brücken. Die linksradikale MIR rief die Bauern dazu auf, Ländereien zu besetzen, und verlangte die Bewaffnung des Volkes (worunter sie die Fabrikarbeiter und die Einwohner der Armenviertel verstand).

Auch das Ausland bezog Position. Die USA sperrten bereits zugesagte Kredite; die CIA setzte Geld und auch Waffen ein, um das Land zu destabilisieren und Allende zu stürzen. Er könne nicht einsehen, hatte sich US-Außenminister Henry Kissinger schon am 27. Juni 1970 in vertrauter Washingtoner Runde vernehmen lassen, „weshalb man daneben stehen und zuschauen soll, wenn ein Land kommunistisch wird, bloß weil seine Bevölkerung so verantwortungslos ist“.

"Wir müssen sie wie Ratten töten"

Bei den Parlamentswahlen im Mai 1973 erhielt die Unidad Popular 43 Prozent der Stimmen. Das inzwischen vereinigte konservative Lager erreichte zwar 55 Prozent, verfehlte aber die Zweidrittelmehrheit, die es ihm ermöglicht hätte, Allende abzuwählen. Der sozialistische Präsident sah sich nun mit einer Blockadehaltung von Parlament, Justizapparat und Rechnungshof konfrontiert. Und auch in der Armee, die – anders als in Lateinamerika üblich – auf eine lange Tradition der Verfassungstreue zurückblicken konnte, begann es zu rumoren. Ende Juni scheiterte ein dilettantischer Putschversuch eines Panzerregiments. Schließlich sah Allende nur noch einen Ausweg: Das Volk sollte entscheiden, ob er im Amt bliebe oder zurückträte.

Am 9. September 1973, es ist Sonntag, empfängt der Präsident in seiner Privatresidenz im Nordosten Santiagos Heeresgeneral Augusto Pinochet, den Mann, der zwei Tage später weltweit für Schlagzeilen sorgen wird. Der Gast kommt in Zivil. Allende erläutert ihm seine Absicht, am 11. September in einer öffentlichen Rede ein Plebiszit anzukündigen. Pinochet ist irritiert. Offensichtlich sieht der General seine Pläne durchkreuzt. Der Putsch ist für den 14. September vorgesehen. Aber wie soll die Armee ihn begründen, wenn Allende selbst drei Tage vorher öffentlich verkündet, er mache seine Zukunft vom Votum der Chilenen abhängig? Es bleibt nichts anderes übrig, als den Tag X vorzuverlegen. Dem Präsidenten kommen wohl erst an diesem Tag Zweifel an der Loyalität des Generals, den er selbst drei Wochen zuvor zum Heereschef ernannt hat. Carlos Prats, der am 23. August das Kommando abgegeben hatte und mit dem Allende eng befreundet war, hatte ihm Pinochet als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Der 58-jährige General hatte bei der Meuterei im Juni Allende seiner Loyalität versichert und war höchstwahrscheinlich erst 72 Stunden vor dem Putsch, der ihn dann an die Macht spülen sollte, in die konkrete Planung des Staatsstreichs eingeweiht worden; treibende Kraft war die Marine.

Am Montag, dem 10. September, kommt der Präsident um 21.30 Uhr nach Hause. Zum späten Essen in seiner Residenz finden sich Innenminister Carlos Briones und Verteidigungsminister Orlando Letelier ein; auch der Journalist Augusto Olivares, Leiter des Fernsehsenders Canal 7, und Präsidentenberater Juan Garcés sind zugegen. Man diskutiert über die Rede, mit der Allende das Plebiszit ankündigen will. Das Telefon klingelt. Aus der Moneda, dem Präsidentenpalast im Zentrum Santiagos, ruft Allendes Privatsekretärin an und berichtet von Truppenbewegungen im Norden der Hauptstadt. Auch Carlos Altamirano, Chef der Sozialistischen Partei, meldet sich. Er will mit dem Verteidigungsminister sprechen, weil er ebenfalls von mobilisierten Soldaten erfahren hat. Letelier erkundigt sich bei General Herman Brady, dem designierten Chef der 2. Armeedivision, die für die Hauptstadt zuständig ist. Brady gibt vor, nichts zu wissen. Er wolle sich erkundigen. Beim zweiten Anruf Leteliers erzählt er etwas von Vorbereitungen für die Parade am 19. September, dem traditionellen Tag der Streitkräfte.