Porträt Der Wiedergänger

Neben Palästinenserführer Jassir Arafat hat niemand Platz. Nur unter ihm

Der Rücktritt des palästinensischen Premierministers war längst absehbar. Seit Tagen schon bekundeten Demonstranten ihre Unterstützung für seinen großen Gegenspieler, den Präsidenten Jassir Arafat. „Abu Masen, Arschloch, höre auf den Älteren“, sang die aufgepeitschte Jugend während einer Versammlung in Gaza. Vor dem Parlamentsgebäude in Ramallah, wo sich Mahmud Abbas, alias Abu Masen, anschickte, eine erste Bilanz seiner Regierungszeit zu ziehen, warteten bewaffnete Fatah-Anhänger. Sie drohten ihm und seinem Sicherheitschef Mohammed Dachlan mit dem Tod. Erschrocken bahnte sich Abbas den Weg nach drinnen, wenig später warf er das Handtuch. Und beerdigte damit alle Hoffnungen, dass er, der gemäßigte, der verhandlungsbereite neue Palästinenserpremier, den Krieg mit Israel beenden könnte.

Genau 100 Tage. So lange hat der 74-jährige PLO-Chef gebraucht, um Abbas aus dem Amt zu jagen. Von Anfang an saß dem Premier ein frustrierter Arafat im Nacken, der seiner Ernennung ohnehin nur auf allergrößten Druck der Amerikaner, der Ägypter und der EU zugestimmt hatte. Es war also nur eine Frage der Zeit, wann der Machtkampf offen ausbrechen würde. Der Ausgang war vorauszusehen. Es war wahrscheinlich Abbas’ größter Fehler gewesen, eine grundsätzliche Lehre aus seinen 40 Jahren in Arafats Fatah-Bewegung zu vergessen: dass nämlich jeder, der den Chef beiseite zu schieben versucht, selbst fallen wird.

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Die Macht über die Polizei wird er nie abgeben

Die Genugtuung des greisen Palästinenserpräsidenten über seinen Sieg muss immens sein. Hatte ihn nicht Israel schon im Dezember 2001 für „irrelevant“ erklärt? Hatte nicht Washington im Juni 2002 alle Kontakte zu ihm abgebrochen und ihn einfach wegzureformieren versucht? Steht er nicht trotz allem wieder mitten auf der politischen Bühne? Prangt nicht sein Foto erneut auf allen Titelseiten der internationalen Presse?

Lange hat Arafat nicht gewartet, um Achmed Kurei als Nachfolger für das Amt des Premierministers zu benennen. Als befürchtete er, Abbas, der Liebling der Amerikaner, der an seiner statt ins Weiße Haus fahren durfte, könnte es sich im letzten Augenblick noch einmal anders überlegen. Nun soll Achmed Kurei, 66 Jahre alt und Arafat-Vertrauter, Regierungschef werden. Der Stabwechsel bringt noch mehr Unruhe in bereits stürmische Gefilde. Aber inmitten des Dramas gibt es auch Erleichterung. „Wäre Abbas nicht zurückgetreten, hätte sich wahrscheinlich der Graben in der politischen Führung weiter vertieft, bis hin zu einem Bürgerkrieg oder der Ermordung Abbas’ durch militante Palästinenser“, sagt ein Mitglied des PLO-Exekutivkomitees, das Abbas nahe steht.

Jetzt sind die Dinge wenigstens wieder klar: Das System Arafat, das nie einen Stellvertreter duldete, das von langjährigen Waffenbrüderschaften und persönlichen Loyalitäten getragen wird, funktioniert wie eh und je. Im Grunde hat der PLO-Chef die politische Bühne nie verlassen. Auch nicht, als er – umgeben von israelischen Panzern und bei Kerzenschein – völlig isoliert in der halb zerstörten Mukata’a saß, dem Präsidentensitz in Ramallah. An seinem Schreibtisch liefen weiterhin alle Fäden zusammen. Per Faxgerät und Telefon gab er seine Befehle, genehmigte Ausgaben, ernannte und entließ Mitglieder der Autonomiebehörde – es war und ist dies der Führungsstil eines paranoiden, neurotischen Revolutionärs, der jedem und allem misstraut. Wer ihn damals in der Mukata’a besucht hat, erinnert sich an einen vergrämten Mann, der sich geradezu genussvoll als Opfer stilisierte. Fragen nach seinem Teil der Verantwortung für die katastrophale Situation – die nicht endende Terrorwelle in Israel und der darauf folgende Einmarsch der israelischen Armee – ließ er an sich abperlen wie Wasser an einer Ölhaut. Entweder betreibt er ein perfektes Spiel oder sein buchstäblich beschränkter Horizont hat längst seine Wahrnehmungsfähigkeit beeinträchtigt.

Vor einem Jahr hat man ihm Grenzen gesetzt. Auf amerikanischen Druck hin, aber auch auf Wunsch vieler Palästinenser, sollte die One-Man-Show in Gaza und im Westjordanland ein Ende finden. Ein neuer Minister begann die Finanzen zu ordnen, die Arafat bisher als seine Privatangelegenheit betrachtete. Die diplomatischen Verhandlungen wurden dem neuen Regierungschef übertragen. Was Arafat blieb, war die Kontrolle über bedeutende Sicherheitskräfte.

Als Generalstabschef befehligt Arafat zwei Drittel der palästinensischen „Armee“, etwa 30000 ehemalige PLO-Kämpfer, die ihm nach seiner Rückkehr aus dem tunesischen Exil von überall her gefolgt waren. Als nun Abbas darauf drängte, die verschiedenen Polizeieinheiten unter seine alleinige Autorität zu stellen, wie es die „Roadmap“, der internationale Friedensplan, vorsieht, sah Arafat rot. Er verweigerte Abbas die nötigen Kompetenzen zur wirksamen Bekämpfung der Terroristen. Zu einigen von ihnen pflegt Arafat selbst enge Kontakte. An dieser Frage entzündete sich der Streit, der schließlich zum endgültigen Zerwürfnis führte. Die Kontrolle über die Polizei wird Arafat, solange er Präsident bleibt, nicht aufgeben. Ganz egal, wie Abbas’ Nachfolger heißen mögen.

„Er wird niemanden an seine Stelle lassen“, sagt Dany Rubinstein, Journalist und Autor einer Arafat-Biografie. „Nicht, weil er von Grund auf schlecht ist, sondern weil dies das Wesen seiner Führung ist.“ Über den Überlebenskünstler Arafat sind bereits Dutzende von Büchern geschrieben worden. Sein Image als Symbolfigur pflegt er bis heute sorgfältig. Das Markenzeichen eines Revolutionärs, die grüne Uniform, legte der PLO-Chef auch als Vorsitzender der Autonomiebehörde nicht ab. Dass er 1996 in diese Position gewählt wurde, verleiht ihm gegenüber dem palästinensischen Volk Legitimität, wie sie kein anderer in Anspruch nehmen kann.

Er ist ein Meister des Doppelspiels, der vor den Kameras in englischer Sprache Attentate auf Israelis verurteilt und in seinen arabischen Reden zugleich eine „Million Märtyrer nach Jerusalem“ schickt. Die Gewaltoption, der er zwar offiziell immer wieder abgeschworen hat, ließ er sich stets offen. Sei es in Form des verlängerten Arms der islamistischen Hamas, der er im Frühjahr 1996 – als es mit dem Friedensprozess noch voranging – grünes Licht für Anschläge gab, sei es später mithilfe der Al-Aksa-Brigaden. Nicht nur in Israel, auch in der arabischen Welt ist Arafat schon lange als Manipulator und Lügner verschrieen. Nach Abbas’ Rücktritt soll der ägyptische Präsident Hosni Mubarak wutschnaubend bei ihm angerufen haben.

Wenn Chaos herrscht, ist die Welt in Ordnung

Auch unter den Palästinensern ist die Unzufriedenheit über das korrupte System Arafat groß. Doch immer, wenn er unter Druck gerät und erniedrigt wird, stellen sich plötzlich selbst seine schärfsten Kritiker reflexartig vor ihn. Dann nämlich wird Arafat wieder zum Symbol für Palästina, wie es kein anderer verkörpert.

Dass es ihm allein um das Wohl seines Volkes gehe, daran zweifeln inzwischen viele. Denn für den PLO-Chef ist die Welt immer dann in Ordnung, wenn Chaos herrscht. Nur in anarchischen Zuständen blicken die Menschen zu ihm auf. Da vergisst man, dass er Friedensangebote in letzter Sekunde immer wieder ausschlug, dass er mit gespaltener Zunge spricht und ausländisches Geld nach Gutdünken unter seinen Getreuen verteilte.

Was aber will er außer der Macht wirklich? In Israel ist man davon überzeugt, dass es ihm weniger um einen eigenen Staat geht als um die Destabilisierung der israelischen Gesellschaft. „Es war nicht Abu Masen, der Arafat bedroht hat, es war dessen Botschaft der Normalisierung, die ihn bedrohte“, schreibt Sever Plotzker in Yedioth Ahronot.

Seit langem denken israelische Sicherheitskreise darüber nach, Arafat ins Exil zu zwingen. Doch das würde seinen Einfluss kaum schmälern, seinen Status als wichtigster palästinensischer Führer nicht ändern. Denn kein Nachfolger könnte es sich erlauben, eine Entscheidung ohne vorherige Konsultation des PLO-Chefs zu treffen. Und sollte seine Ausweisung zum Zusammenbruch der Palästinenserbehörde führen, müsste Israel erneut die volle Verantwortung für die Bevölkerung in den besetzten Gebieten übernehmen. Gelöst wäre damit nichts.

Siehe auch Seite 10

 
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