universitäten Onko hän syönyt jo?
Finnisch lernen heißt leiden lernen – in Helsinki macht es trotzdem Spaß
Entsetzen zeichnet sich auf den Gesichtern der Schüler ab. Einige legen die Arme schützend vors Gesicht. „Bitte nicht quälen“, fleht ein Mädchen. Die Finnisch-Lehrerin Pirkko Pokela lächelt grausam und fasst in ihre große Aktentasche. Ein Test? Nein, sie zieht ein Schüsselchen aus Birkenrinden-Imitat hervor, das mit einer zähen schwarzen Masse gefüllt ist. Haben Sie schon gegessen?“, fragt sie. stöhnt die Klasse im Chor.
Mämmi ist ein traditioneller finnischer Festtagskuchen oder eher ein Festtags brei aus Roggenmehl und Malz, und niemand verlässt Pokelas Unterricht, ohne ihn zu probieren. Mit Sahne (kerma) und Zucker (sokeri) geht es. So eben.
Der mämmi- Einsatz ist ein gutes Beispiel für den Spaß und den Schwung, mit dem an der deutschen Schule in Helsinki Finnisch gelehrt wird. Außerdem können Ausländer an dem Wort gleich eine Besonderheit der Aussprache üben: die Artikulation der im Finnischen so häufigen Doppelkonsonanten. Sie werden nicht einfach getrennt gesprochen – also nicht mäm-mi –, sondern leicht ineinander gezogen, wobei aber der zweite Buchstabe sanft neu angesetzt wird. Zu hören ist eine Art anderthalbfacher Lautwert, und dieser prägt den für deutsche Ohren weichen, melodischen Klang der Sprache. Die korrekte Länge der Vokale und Konsonanten ist wichtig, denn beide sind Bedeutungsträger: So heißt kukka Blume, kuka hingegen wer. „Deutschen fällt es manchmal schwer, die Laute hinzubekommen“, sagt Satu Saarinen, die an der deutschen Schule den Bereich Finnisch als Fremdsprache leitet. „Sie neigen zu einer etwas zackigen Aussprache.“
Vom Elativ zum Allativ
Theoretisch ist die Aussprache leicht zu meistern: Zu jedem Buchstaben gehört nur ein Laut. Darüber hinaus muss man noch verinnerlichen, dass im Finnischen grundsätzlich die erste (und dann die dritte, fünfte, siebte) Silbe betont wird. Natürlich gibt es insbesondere Vokalkombinationen, die ungeübten Zungen zu schaffen machen: An lyijykynä (Bleistift) sei er wochenlang fast verzweifelt, sagt der Oberstufenschüler Martin Richter, dessen Vater ebenfalls an der deutschen Schule unterrichtet. Martin lebt seit 1997 in Helsinki, und sein Finnisch klingt, jedenfalls für den Laien, perfekt. Bei Jugendlichen und Erwachsenen, die mit dem Finnischen beginnen, rechnet man mit etwa zwei Jahren intensiver Lernzeit, bis sie in der Lage sind, sich einigermaßen fließend zu unterhalten. Kann man die Sprache als Ausländer überhaupt perfekt beherrschen? Johannes Binder, der Direktor der deutschen Schule, rollt mit den Augen: „Man kann es wohl. Aber mir geht es regelmäßig so, dass ich im Geschäft zwei Sätze vorbringe – und dann antwortet die Verkäuferin, mitleidig lächelnd, auf Englisch.“
Neben dem sozialen Lernhemmnis, das in der Höflichkeit und der guten Fremdsprachenkenntnis der Finnen liegt, haben Ausländer vor allem Probleme mit der Grammatik. Gerade am Anfang heißt es Fälle und Stammformen pauken. „Schreiben Sie aber nicht die Horrorgeschichte von den 15 Fällen“, sagt Eila Hämäläinen, Lektorin an der Universität Helsinki und anerkannte Kapazität in der Vermittlung von Finnisch als Fremdsprache, „sonst traut sich niemand her.“ Nun gut, die 15 möglichen Fälle des Substantivs spielen in der Alltagssprache nicht alle eine Rolle. Aber auf fünf bis elf Fälle müssen sich Lernende doch einstellen. Dabei kommen Lokalfälle, die einen Ort oder eine Richtung bezeichnen, in besonders vielfältigen Formen vor: Zum Nominativ (käsi, die Hand) gesellen sich unter anderem der Inessiv (wo? kädessä, in der Hand), der Elativ (von wo? kädestä, aus der Hand), der Adessiv (worauf? kädellä, auf der Hand), der Allativ (zu wem? zu was? kädelle, auf die Hand).
Wichtig ist auch der Partitiv, der eine unbestimmte Menge bezeichnet. Bei dem Satz „Ich möchte Brötchen“ etwa steht „Brötchen“ nicht wie im Deutschen im Akkusativ, sondern im Partitiv, womit der Sprecher ausdrückt, er wolle einige von allen denkbaren Brötchen der Welt haben. Erschwert wird das Formenlernen durch den so genannten Stufenwechsel, eine Lautverschiebung, die in Verbindung mit den Mittellauten k, p und t auftritt: Aus lappu – der Zettel – wird im Genitiv lapun – des Zettels. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als diese Stufenwechsel allesamt auswendig zu lernen. Zur Belohnung offenbart sich im Genitiv der Wortstamm, an den in den meisten Fällen dann nur noch unterschiedliche Endungen angehängt werden. Bestimmte oder unbestimmte Artikel gibt es im Finnischen ebenso wenig wie ein grammatisches Geschlecht. Das Finnische kennt keine Präpositionen und Pronomen; die Substantive werden durch zahlreiche Endungen näher bestimmt.
Das staatliche Angebot für Ausländer, die die Sprache lernen wollen, ist ausgesprochen gut; wohl auch deshalb findet man kaum kommerzielle Sprachschulen. An der Universität Helsinki gibt es seit 50 Jahren Eila Hämäläinens Abteilung Finnish for International Students, wo alle Gaststudenten wenigstens Grundlagenkurse besuchen müssen. Das Angebot umfasst vier „Module“, auf deren Basis Studenten auch für einen Hochschulabschluss in „Finnischer Sprache und Kultur“ weiterarbeiten können.
Sieben Stunden, jeden Tag
Wer weniger Zeit hat, kann die Sommeruniversitäten besuchen: In Helsinki werden über das gesamte Sommerhalbjahr dreiwöchige Kurse à 52 Stunden angeboten; die Teilnahme kostet 90 Euro, bei der Zimmersuche ist das Büro der Sommeruniversität behilflich. Sehr konzentriert wird auch in den Sprachzentren der Universitäten gelernt: Hier gibt es dreimonatige Intensivkurse für 310 Euro. Die Sprachzentren sind gehalten, sich möglichst weitgehend selbst zu finanzieren; sie bieten daher nach Absprache auch Privat- und Kleingruppenunterricht an. Außerdem sind sie für den Finnischunterricht zuständig, zu dem das Arbeitsamt arbeitslose Einwanderer verpflichtet. „Diese Kurse sind sehr anspruchsvoll, wir geben jeden Tag fünf Stunden in der Gruppe, dazu kommen zwei Stunden Hausaufgaben“, sagt Johanna Heimonen, Lektorin am Fort- und Weiterbildungsinstitut in Vantaa, „aber manchmal scheint mir das noch zu wenig zu sein. Wie soll man sich in eine Gesellschaft integrieren, deren Sprache man nicht beherrscht?“ Viele von ihren Schüler nennen allerdings auf Nachfrage eine besondere Lernmotivation, die sich regelmäßig auch bei Hochschulstudenten oder deutschen Schülern als leistungssteigernd erweist: Sie haben sich in einen Finnen oder eine Finnin verliebt.
- Datum 02.11.2007 - 04:27 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.09.2003 Nr.38
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