tauchen Nasse Forscher

An der Universität Freiberg lernen Studenten, wie man wissenschaftlich taucht

Eigentlich lebt er in den Küstengewässern der indonesischen Inselwelt: der magische Octopus, einer der einfallsreichsten Überlebenskünstler. Wie ein Phantom ändert dieser Krake sein Aussehen, imitiert andere Tiere. Einen hoch giftigen Feuerfisch, der gelassen seine Kreise zieht, oder eine Flunder, die über den Meeresboden huscht. Aber heute ist alles anders. Heute liegt der Octopus unbeweglich in 3,80 Meter Tiefe auf dem Grund des Sprungbeckens im Johannisbad Freiberg, Sachsen. Falls sein Grün Tarnung sein soll, handelt es sich um eine Fehleinschätzung angesichts der strahlend blauen Kacheln im Bassin unter freiem Himmel.

Im Beobachter reift die Erkenntnis, dass dieser Octopus tot ist, genauer gesagt: aus Gummi. Er ist ein Übungs- und in diesem Fall ein Foto-Objekt für Mandy Schipek. Die 21-Jährige mit den kurzen, roten Haaren nähert sich ihm in ihrem schwarzen Taucheranzug. Sie schwebt über ihm, kurz danach mischt sich ein Blitzlicht in die Reflexionen der Abendsonne an der Wasseroberfläche. Das wäre im Kasten, Mandy Schipek taucht auf. „Einfach ist das Fotografieren unter Wasser nicht. Alles wirkt größer. Geht man zu weit weg, dann ist alles nur noch blau“, erklärt die Studentin der TU Bergakademie Freiberg.

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Mandy Schipek wirkt an diesem Sommerabend wie ein Routinier unter Routiniers. 20 junge Menschen legen in aller Ruhe ihre Tauchausrüstung an und steigen ins 19,5 Grad warme Wasser. Einer hat ein olivgrünes T-Shirt an mit der Aufschrift „Dive now, work later“. Der Eindruck täuscht: Es geht um das Arbeiten beim Tauchen, und die Taucher im Wasser lernen noch. Sie sind Studenten, die den Kurs Wissenschaftliches Tauchen im Studium Generale der kleinen sächsischen Hochschule belegt haben. Sie studieren Geologie oder Hydrologie, Biologie oder Archäometrie, aber auch Betriebswirtschaftslehre, Informatik oder Verfahrenstechnik.

Für die einen ist es eine Zusatzqualifikation, die Sinn macht für ihr Studium. Tauchende Biologen können zum Beispiel Wasserverschmutzungen untersuchen, Archäometriker Funde aus versunkenen Städten analysieren. Für die anderen stehe eher die „mentale Komponente“ im Vordergrund, sagt der Hydrogeologie-Professor Broder Merkel, Dekan der Freiberger Fakultät für Geowissenschaften. „Das wissenschaftliche Tauchen erfordert Überwindung und fördert den Teamgedanken, formt also die Persönlichkeit.“

Im Wasser befindet sich derweil ein unbekanntes Tauchobjekt, eine ein mal ein Meter große Stahlkonstruktion. Im Abstand von 10 Zentimetern sind darin Fäden gespannt, quer wie längs. „Es entstehen sozusagen Planquadrate. Legt man unser Gitter über ein Untersuchungsobjekt, kann man es maßstabsgerecht abzeichnen“, erläutert die Sportlehrerin Elke Eckardt das Utensil „Marke Eigenbau“.

Die Studenten lernen nicht nur, Objekte zu dokumentieren, sondern auch, unter Wasser zu kommunizieren und Messungen durchzuführen. Seit 1997 gibt es das Wissenschaftliche Tauchen an der TU. Im Semester umfasst es drei Theorie-Einheiten, 15 praktische Übungen im Schwimmbad und Wochenend-Tauchcamps an sächsischen Seen. Tauchen müssen die 20 Teilnehmer schon können – die meisten von ihnen haben ein Semester zuvor einen Grundkurs besucht. Zehn Studenten nehmen in der zweiten Septemberhälfte an einer von Merkel geleiteten Exkursion nach Kroatien teil.

Auch Felix Heinicke wird dabei sein. Jetzt friert er gerade am Beckenrand. Er hatte sich gegen den Neoprenanzug entschieden, die Badehose sollte reichen. Der 20-Jährige packt die Sonde wieder ein, mit der er geübt hat. „Sie misst Temperatur, pH-Wert, Leitfähigkeit, Sauerstoffkonzentration und Salzgehalt des Wassers“, erklärt der Student der Verfahrenstechnik. In Kroatien will er Temperaturfelder messen. Die kroatische Adria wird natürlich anders sein als das sächsische Johanniswasser. „Das Hantieren mit dem Gitter beispielsweise ist schon im Becken nicht einfach. Aber im Meer kommt noch die Strömung dazu, da muss man ständig paddeln und verbraucht zusätzlich Luft“, kündigt Broder Merkel an. Die Studenten müssen sich für die Exkursion ein Projekt ausdenken und es umsetzen. Unter Wasser forschen, an Land auswerten.

Im nassen Element geschieht alles unter den wachsamen Augen des Tauchlehrers Thomas Pohl. Er will, dass die Teilnehmer ihr Fachwissen unter Wasser anwenden können. „Das ist nicht zu verwechseln mit dem Forschungstauchen“, betont Pohl. „Ein Forschungstaucher ist ein gewerblicher Taucher, der nach den Regeln der Berufsgenossenschaft taucht, mit anderer Technik, ganz bestimmten Aufgaben und nach einer besonderen Ausbildung.“

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