Flash mob
Der kurze Sommer der Anarchie
Eine neue Bewegung erobert die Städte. Wildfremde Menschen verabreden sich per Internet und proben den öffentlichen Unsinn. Die Flash Mobs verschwinden genauso schnell, wie sie gekommen sind. Was wollen sie uns sagen?
Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.“ Adornos Satz ist nie so tief begriffen worden wie in diesen Zeiten. In den aktuellen gesellschaftlichen Bewegungen ist das Ich kein Thema. Diese Bewegungen nennen sich also Herden, Meuten, Horden, das Ich kommt in ihnen nicht vor. Und glaubt man den Soziologen, so werden die Mobs uns weiterhin begleiten, ja, sie werden uns in die Zukunft treiben.
Holländische Flash-Mobber beim Tanzen
Zwei Sorten von Mobs sollte man sich merken, den Smart Mob (den schlauen Mob) und den Flash Mob (den spaßversessenen Blitzmob). Beide organisieren sich über Internet und Handy, sie kommen ohne Führer und ohne steile Hierarchien zurecht und setzen auf die Genialität, die – womöglich – in der Ebene, in der Masse ruht.
Zum Smart Mob, das Wort stammt vom amerikanischen Medientheoretiker Howard Rheingold, schließt man sich zusammen, um bessere Verhältnisse zu schaffen. Auf den Philippinen haben im Januar 2001 Hunderttausende von Bürgern den korrupten Präsidenten Estrada aus dem Amt gejagt, indem sie über Nacht – mittels Internet und SMS – eine gewaltige Anti-Estrada-Demonstration zusammenriefen. Amerikanische Soziologen nannten diesen Vorgang Adhocracy (Ad-hoc- Demokratie) oder Pager Revolution, sie priesen die Demonstranten als kluge Thumb Tribes („Daumen-Stämme“, denn SMS-Botschaften werden mit den Daumen geschrieben) und nannten die Ereignisse von Manila einen verblüffenden Ausbruch „symbiotischer Intelligenz“.
Howard Rheingold gibt dem Smart Mob eine große Zukunft. Näheres steht in seinem Buch Smart Mobs – The next social revolution. Der Flash Mob hingegen – zu Deutsch: Blitzmeute – ist ein zwielichtiges, zappeliges Geschöpf des Reichtums, ein Phänomen dieses heißen Sommers. Natürlich stammt er aus New York. Menschen, die einander nicht kennen, verabreden sich über Internet und SMS zu Blödsinnstheateraktionen in der Öffentlichkeit. Sie treffen sich in Hotelhallen und Warenhäusern, auf Rolltreppen oder Bahnsteigen. Mal sind es 20, mal 200. Sie imitieren Vogelstimmen, rufen „Ecki! Ecki! Ecki!“, ziehen Pudelmützen über, fallen einander weinend in die Arme oder trommeln mit ihren Schuhen auf den Boden. Nach einer Minute ist die Energie verdampft, die Mobber spenden einander und der umgebenden Menge Applaus, und der Mob löst sich auf, als hätte es ihn nie gegeben. Er will nicht mehr sein als ein Blinddate unter Selbstdarstellern, eine Spaß-Lichterkette, eine La-Ola-Welle für den Straßenrand.
Vom Spaßmob zum Hilfsmob
Smart Mob und Flash Mob haben also nicht viel gemeinsam. Der Smart Mob will Zukunft fassen, der Flash Mob will bloß die Gegenwart feiern. Der Smart Mob hat ein politisches Ziel und lebt von gesellschaftlicher Unruhe, der Flash Mob hat bloß viel Energie, die er loswerden muss. Der Smart Mob lebt von Wut, Ungerechtigkeit, Unterdrückung – den Nöten seiner Teilnehmer. Er will Veränderung. Der Flash Mob lebt von der Langeweile, der Leere – dem Unbehagen seiner Teilnehmer. Er will Zerstreuung.
Der politische Mob gehört den Hungrigen, pauschal gesagt, den unterentwickelten Nationen. Der Spaßmob gehört den Satten, also uns; er ist der aufgeputschte westliche Nachzügler des Smart Mob.
Was treibt die Flash-Mobber? Die diebische Freude am Wissensvorsprung, sagen manche, die mitgemacht haben, der kleine Glücksschauder des Konspirativen, die Geborgenheit in einer Stammesgemeinschaft, die man nicht einmal kennt.
Der Flash Mob ist die aufgekratzte Kehrseite der brütenden, feindseligen Alltagsmasse, des dull mob, der unsere Städte besiedelt. Im Flash Mob lichtet sich die Welt für Sekunden – es flackern Witz, ein Plan, eine Pointe und im Glücksfall Talent durch die Trübnis. Gemeinsam sind die Mobber frech und schneiden den Überwachungskameras Fratzen. Im Spaßmob schlummert das Potenzial der guten Tat, des Hilfsmobs, aber dieses Potenzial ist noch nicht erwacht. Vorerst reicht es nur zu kollektiven Geh- und Sprechversuchen, zu Dada-Theatersprengseln. Der Spaßmob erinnert an einen Werbespot ohne Produkt.
In der Literatur findet sich eine Fülle schöner Zitate, mit denen man dem Flash Mob diskursiv den Garaus machen könnte. Zum Beispiel von Louis-Sébastian Mercier in MeinBild von Paris über den verordneten Karneval: „Nichts ist trauriger als der Anblick eines Völkleins, dem man befohlen hat, an einem ganz bestimmten Tag zu lachen…“ Oder von Ortega y Gasset im Aufstand der Massen: „Wenn die Masse selbständig handelt, tut sie es nur auf eine Art: sie lyncht. Es ist nicht ganz zufällig, daß das Lynchrecht amerikanisch ist, denn Amerika ist in gewisser Weise das Paradies der Massen…“ Oder von Adorno in den Minima Moralia : „Pseudoaktivität ist eine Rückversicherung, der Ausdruck der Bereitschaft zur Preisgabe, durch die einzig man noch die Selbsterhaltung zu garantieren ahnt.“ Oder von Johann Nestroy: „Täuschung oder getäuscht werden / Wer glaubt, daß es ein Drittes gäbe, / der täuscht sich selbst, so wahr ich lebe.“
Aber vielleicht, vielleicht ist der Flash Mob doch ein kleiner dritter Weg: die Lust der Komödianten an der Selbsttäuschung. Der Flash Mob weiß, wie es um ihn steht. In ihm ist keiner, der die Unverschämtheit besäße, „Ich“ zu sagen. Es sind junge, mit den Wonnen der Selbstreferenzialität groß gewordene Menschen, die wissen, dass ein „Ich“ vor allem von chemischen Phänomenen aufrechterhalten wird, vor denen die Alltagssprache sich verneigt mit der Wendung: „Zwischen diesen Leuten stimmt die Chemie.“
Vom Hetzmob zum Schlafmob
Mit der fröhlichen Sachlichkeit des Menschen, der nur Benutzer, Angestellter, Repräsentant seiner Physis ist, gehen die Mobber auf die Straße. Keiner würde im Internet auch nur seinen Namen preisgeben, und der Mob als Gruppe bewirbt sich nie um den Titel „Wir“. Bloß ein fröhliches „Es“ füllt die Plätze, es ist die pure Chemie, die sich da zeigt. Und sie stimmt – für einen unwiederholbaren Augenblick. Der Mob ist eine Stummelform, ein Scheiterhaufenkunststückchen, das nur im Zeitalter der Luftgitarre, des Karaoke und der Casting-Show entstehen konnte: Der Mob feiert die Differenz zur Könnerschaft. Massen, die zum Saalpublikum erzogen wurden und nur als wegzappendes Gespenst, als Quote interessant waren, formieren ihre eigene tapsige Polonaise.
Der Soziologe Helmuth Plessner schreibt über den menschlichen Zwang zur Verkörperung: „Der Blick von außen, der uns trifft, unser eigener wie der fremde, ist die immerwährende Gefahr, welche unser Gefühl um seine Echtheit bringt und uns dazu erhöht oder erniedrigt, als jemand zu figurieren, dem wir gewachsen sein müssen.“
Die Mobber fangen deswegen ganz klein an; sie figurieren als Leute, denen man jederzeit gewachsen wäre, als Randschauspieler, als Huhu-Macher, die vom Bildrand ins blinde Zentrum winken.
Sie besetzen die Bühnen, aber sie tun es verstohlen. Eine der Regeln des Mobs lautet: Get in, get out. Soll heißen: Ein Flash Mob muss schnell vorbei sein, Chimäre bleiben, Stoff für Gerüchte und widersprüchliche Zeugenaussagen.
Die Mobber folgen dem berühmten Befehl, mit dem Metzgereien und Shopping-Malls Hunde fern halten: „Wir müssen leider draußen bleiben.“ Sie bleiben draußen – auf den Plätzen, in den Parks, in Korridoren, Hotelfoyers, und wenn sie sich doch ins Innere wagen, kommen sie dem Saalverbot zuvor, indem sie sich in Windeseile verdrücken. Das alles hat etwas Kindliches, Verstohlenes, Diebisches. Warum wohl?
Womöglich, weil sie die Erfahrung der Teilhabe nicht gemacht haben und mit ihr auch nicht mehr rechnen. In seinem Buch Die Angestellten (1930) berichtet Siegfried Kracauer von dem finsteren Übermut, den würdevolle ältere Angestellte nach Feierabend aufblitzen lassen, als wär’s eine Waffe: „Es gibt eine Menge phantastischer E.T.A.-Hoffmann-Figuren unter den Angestellten vorgerückteren Alters. Irgendwo sind sie steckengeblieben und erfüllen seitdem ununterbrochen banale Funktionen, die alles andere eher als unheimlich sind. Dennoch ist es, als seien diese Menschen in eine Aura des Grauens gehüllt. Sie strömt von den verwesten Kräften aus, die innerhalb der bestehenden Ordnung keinen Ausweg gefunden haben.“
Viele Flash-Mobber werden in solche Zusammenhänge gar nicht erst hineinkommen. Die ununterbrochen banale Funktion, ja jede Form von Rollenkontinuität ist ihnen unerreichbar. Das Peter Principle– in einer typischen Hierarchie steigt jedes Individuum so lange auf, bis es eine Position erreicht hat, der es nicht gewachsen ist und auf der es dann hocken bleibt – wird für sie nicht gelten. Sie werden keine verwesten Kräfte ausstrahlen. Aus ihnen werden keine unkündbaren Untoten werden, aber vielleicht Entertainer ihrer selbst, Zwangsanimateure, ewige Luftgitarristen.
Es wird behauptet, das Internet organisiere seinen Wuchs auf dieselbe Weise, wie das menschliche Gehirn es tut. Dann wären die Flash Mobs sozusagen die Gliederzuckungen eines träumenden Riesen, und für unser Schicksal wäre es von entscheidender Bedeutung, ob es sich um einen gutmütigen oder einen tückischen Riesen handelt.
Im Idealfall wäre alles politische Geschehen der Zukunft Smart-Mob-Geschehen. Spielerisch würde sich kollektive Intelligenz organisieren. Und Gesellschaft wäre die durch das verschaltete Erfahrungswissen Tausender inspirierte Kunst der Entscheidung, die ständige Volksberatung und Volksabstimmung mittels Fernbedienung.
Im schlimmsten Fall wäre der Flash Mob, den wir jetzt erleben, nur die heitere Theaterprobe für etwas Finsteres. Wenn auch bei uns die Verhältnisse härter werden, dürften unsere Spiel- und Spaßmobs sich in tückische Sabotage-, Hetz- und Fluchtmobs verwandeln. Aus den lustigen Rivalitäten zwischen verschiedenen Flash Mobs könnten blutige Kämpfe werden, und aus dem Fun würde eine bittere Intelligenz steigen.
Wie auch immer: Die Horde, der Schwarm, die Meute sind unsere Zukunft. Herde sind wir, Herde werden wir bleiben. Aus dieser Gewissheit steigt die schlimmste Fantasie: Vielleicht werden wir am Ende weder den Übermut des Flash Mob noch die Wut des Smart Mob spüren, sondern nur noch Altersschwäche. Die meisten Deutschen werden dann sheeple(sheep und people) sein, eine müde Supermeute von Alten, und die wenigen Jungen, die es dann noch gibt, werden uns wie grimmige Schäferhunde zu unseren Schlafplätzen treiben.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.09.2003 Nr.38
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