Ein Tag als Krösus im Hotel Neustadt beginnt beispielsweise so: Man wird mit einem Ständchen geweckt. Zwetschgenkuchen steht vor dem Frühlingszimmer. Und Frau Bach wartet mit einem im Ofen vorgewärmten Handtuch, bis man geduscht hat und sauber ist. Da man als Krösus für die Übernachtung doppelt so viel zahlt wie der Standardgast – 20 statt 10 Euro die Nacht, ohne Frühstück! –, darf man sich ein bisschen was wünschen. Das Hotel Neustadt ist ein ungewöhnliches Hotel, es steht in Halle-Neustadt und wurde vom städtischen Thalia Theater, einem der größten Jugendtheater in Deutschland, initiiert. Frau Bach, die Handtuchwärmerin, hilft normalerweise Schauspielern beim Umkleiden, und das Ständchen singen Jugendliche, die das Hotel betreiben. An der Rezeption gehen nach und nach die Buchungen ein

Halle-Nord, Halle-Süd, Halle-Ost, Halleluja: Von Neustadt, Halles Westen, ist meist nur die Rede, wenn Journalisten einen Ort suchen, an dem man alle sozialen Probleme auf einem Haufen findet. Diese einst für 100000 Menschen geplante "Idealstadt" für die Arbeiter aus Buna und Leuna – den "grandiosen, höllischen, schwefelgelben" Fabriklandschaften, wie Anna Seghers den DDR-Chemiebezirk beschrieb – ist ein schrumpfender Ort. Gut 30 Prozent der Wohnungen stehen leer. Leer stand auch die heruntergekommene Hochhausscheibe A am Neustädter Platz, jedenfalls bis ein vierköpfiges Theaterteam und 100 Jugendliche anrückten und die untersten 8 von 18 Etagen in ein Hotel verwandelten. Bundeskulturstiftung, das Land und andere Geldgeber sponserten das Projekt mit 120000 Euro. Vom 19. September bis 2. Oktober ist das Hotel nun Schauplatz für das alle zwei Jahre stattfindende internationale Hallenser Theaterfestival. Mit dem Ende des Festivals schließt auch das Hotel Neustadt wieder.

Wieso ein Hotel "ideal für ein Jugendprojekt" ist, erklärt Cora Hegemann, die Projektleiterin: "Mit 15, 16, 17 will man sich anders einrichten, denkt ans Ausziehen." Und für das Theater habe es den Vorteil, dass im Hotel nicht nur das Festival stattfinden könne, sondern dass hier Schauspieler, internationale Künstler und Gäste wohnen könnten. Im Moment ist das Hotel erst für die am Projekt Beteiligten geöffnet, vom 19. September an kann sich jedoch jeder in einem der 84 Zimmer einmieten.

Die siebte ist die "Lärmetage", hier darf man richtig Krach machen

Zu DDR-Zeiten beherbergte das 18 Stockwerke hohe Haus A – Teil eines Ensembles aus fünf hintereinander gestaffelten Betonklötzen – einmal 1000 Studenten. Nach der Wende wurde das Wohnheim dichtgemacht, 2000 verließen die letzten Mieter das Haus, in dem zum Schluss nichts mehr richtig funktionierte. Nun stehen die massiven Betonquader da, groß und grau, Abriss: fast unmöglich, jedenfalls zu teuer. Ein Hamburger hat Haus A für ein paar Euro von der Stadt erstanden, und, weil er selbst zurzeit damit nichts anstellt, hat er das derzeit jüngste Hotel "mit Begeisterung" erlaubt.

Das jüngste Hotel. Oder das desolateste, Krösus-Kategorie hin oder her. Der Aufzug ist defekt. Linoleum wellt sich, Schlösser klemmen. Die Möbel sind Spenden von Bürgern, Bundeswehr und THW. Betten wurden aus Türen zusammengezimmert. Um heiß zu duschen, muss man in den fünften Stock und zum Zähneputzen ins Bad des Nachbarn, weil im eigenen das Waschbecken fehlt. Und doch ist das alles wundervoll. Die Jugendlichen haben Zimmer konzipiert für Menschen, die gern in Telefonbüchern schmökern – das Bücherzimmer – oder deren Lieblingstiere Fische sind: Quallen, Karpfen, Octopusse paddeln zwischen Tapetenkleister-Algen die Wand entlang. Auf dem tiefblauen Teppich liegt das Buch zu Titanic , und über dem Bett hängt ein Fischernetz. Kleine Punker haben das "Edelpunker-Zimmer" gestaltet: einen Raum, der zur einen Hälfte aus Schmutz und Chaos besteht, ab der Mitte jedoch brav mit Tisch, Bett, Stuhl möbliert und darum "edel" ist. Im Gartenzimmer blüht es, Liegestühle ersetzen Bett und Sofa. In der komplett mit Stars and Stripes bemalten Präsidentensuite fühlt man sich, vielleicht, ein wenig wie George Bush. Wasserfarben-Rosen wuchern in Etage acht, die siebte ist die "Lärmetage", auf der man mächtig Krach machen darf. Hier sitzt auch das Hotel-Orakel, das man alles fragen darf – hauptberuflich Ausstattungsleiter. Auf jedem Stockwerk, in jedem Zimmer eine andere Vorstellung, ein neues Spiel.

Es wurden Black Jack, Roulette und eine Golfanlage installiert – durch vier Räume hindurch und über den Flur schlägt man die Bälle. Nebenan ist der Beauty-Shop: Eine Schauspielerin, die mal Friseurin war, schneidet hier die Haare. Mit zwei Maskenbildnerinnen und der Requisiteurin betreibt sie auch den Thai-Massage-Raum, das Tattoo-Studio und den Hamam: Der fünfte Stock ist jener, auf dem es heißes Wasser gibt.

Für 10 Euro mehr bekommt Mutter eine Leselampe, Vater ein extrastabiles Bett