Der Rekordsommer 2003 führte nicht nur zu Sonnenbrand und Hitzekollaps bei vielen Europäern – es gab auch auf den ersten Blick paradox erscheinende Gesundheitsschäden: Der Brite Mike Ball zog sich Erfrierungen an den Füßen zu. In der Hitze hatte er im Auto den linken Schuh und den linken Strumpf ausgezogen – Herr Ball fährt Automatik – und den nackten Fuß an die Austrittsdüse der Klimaanlage seines Wagens gehalten. Ball bemerkte das Malheur erst, als ein Zeh schon schwarz zu werden begann, berichtet der Londoner Guardian.

Bei sachgemäßer Bedienung konnte die Auto-Klimaanlage dagegen in diesem Sommer ihre Nützlichkeit eindrucksvoll demonstrieren. Die zwei Drittel der Deutschen, die noch "ohne" fahren, werden im Stau bei Außentemperaturen von über 30 Grad die klimatisierte Minderheit beneidet haben. Vor ein paar Jahren noch war das Kühlaggregat ein Ausstattungsextra, das sich allenfalls Fahrer von Oberklassemodellen leisteten. Inzwischen haben neun von zehn in Deutschland zugelassenen Neuwagen Klima an Bord, oft als günstige oder gar kostenlose Draufgabe des Händlers. Damit nähern wir uns langsam den USA an, wo seit Jahrzehnten praktisch alle Autos klimatisiert fahren.

Wer einmal bei heißem Wetter eine längere Strecke im angenehm gekühlten Wagen zurückgelegt hat, der fragt sich, wieso die Klimaanlage noch bis vor kurzem bei uns als ein Luxus galt, vergleichbar mit Alufelgen oder Sonderlackierung. Die Heizung ist als Zubehör ja schon seit längerem akzeptiert – wieso nicht die Kühlung? In den Häusern Mitteleuropas mag sie wirklich an 360 Tagen im Jahr überflüssig sein, im Auto dagegen wird es durch den Treibhauseffekt der Fenster schon dann unerträglich heiß, wenn draußen noch angenehme Temperaturen herrschen. Und das führt nicht nur zu durchgeschwitzter Kleidung. Jedes Grad mehr an Innentemperatur beeinträchtigt die Verkehrssicherheit messbar. Ein überhitzt am Lenkrad sitzender Fahrer ist praktisch ein ebenso großes Verkehrsrisiko wie ein alkoholisierter Chauffeur: Er ermüdet schneller, reagiert schlechter, und wenn er gereizt wird, drückt er eher auf die Hupe. Bei hohen Außentemperaturen, fand der Wuppertaler Statistiker Gerald Arminer in einer Studie für die Bundesanstalt für Straßenwesen heraus, steigt das Unfallrisiko noch stärker an als bei nasser Straße. Oberhalb der "Wohlfühltemperatur" von 20 bis 25 Grad, so der Forscher, wird es mit jedem Grad gefährlicher.

Das einzige Argument gegen eine Klimaanlage im Auto ist der Umweltschutz. Denn während die Wärme beim Verbrennungsmotor kostenlos abfällt, muss die Kälte aufwändig erzeugt werden. Und das erfordert Energie. Den Mehrverbrauch zu beziffern ist nicht leicht – denn er hängt von der Außentemperatur und der Fahrzeit ab, nicht von den zurückgelegten Kilometern. Im städtischen Stop-and-go-Verkehr kann der Zusatzverbrauch mehrere Liter pro 100 Kilometer betragen, bei flotter Autobahnfahrt nur Bruchteile eines Liters. Für einen standardisierten Fahr-Mix gibt der Marktführer Behr, übers Jahr gesehen, einen Zusatzverbrauch von 0,6 Litern an. In den Normverbrauch, der immer in den Autoprospekten angegeben wird, geht das natürlich nicht ein – aber auch nicht der ähnlich große Mehrverbrauch, der entsteht, wenn schwitzende Autofahrer ständig Seitenscheiben und Schiebedach geöffnet halten.

Das zweite Umweltproblem der Klimaanlagen ist das Kühlmittel. Zwar sind die ozonkillenden FCKW schon lange aus den Kühlschlangen verbannt. Ihre Nachfolger, die teilhalogenierten Fluor-Kohlenwasserstoffe (HFKW), tragen aber immer noch zum Treibhauseffekt bei. Anders als beim Kühlschrank zu Hause ist es bei der Auto-Kühlanlage unvermeidlich, dass ständig geringe Mengen Kühlflüssigkeit in die Umwelt entweichen. Nach einer Studie des Bundesumweltamtes beträgt der Verlust pro Auto und Jahr durchschnittlich 70 Gramm – ein halbes Glas also. Das hört sich nicht dramatisch an. Allerdings hat das gängige Kältemittel R 134a ein so genanntes Treibhauspotenzial von 1300. Das bedeutet, dass ein Kilogramm davon den gleichen Effekt hat wie 1,3 Tonnen Kohlendioxid. Anders gesagt: Die Klimaanlagen in deutschen Autos emittieren das Äquivalent von 1,3 Millionen Tonnen CO2. Damit wird ein nicht unerheblicher Teil der Treibhausgas-Reduzierung Deutschlands durch die Auto-Klimaanlagen wieder zunichte gemacht.

Muss man deshalb, wie es das Umweltbundesamt tut, zum "Verzicht auf eine Klimaanlage" raten? Das ist angesichts des Trends nicht nur weltfremd, sondern auch unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit nicht sinnvoll. Die Hersteller sind auf der Suche nach Alternativen zu den heutigen Kühlmitteln. Und haben auch schon eine gefunden: In den Klimaanlagen der Zukunft wird als Kältemittel Kohlendioxid (CO2) zirkulieren.

Kohlendioxid ist billig und ungiftig, steht praktisch unbegrenzt zur Verfügung, und die im Auto verwendete Menge wäre auch für die Klimabilanz vernachlässigbar. Damit es aber in flüssiger Form in den Kühlleitungen zirkuliert, muss es erheblich stärker zusammengepresst werden als andere Kältemittel: Während in einer heutigen Klimaanlage ein Druck von höchstens 30 bar herrscht, muss CO2 mit bis zu 120 bar komprimiert werden. Die entsprechenden Leitungen, Dichtungen und Druckzylinder müssen erst noch zur Serienreife gebracht werden, und auf jeden Fall wird die Kohlendioxid-Klimaanlage teurer sein als eine heutige. Dafür wird sie einen höheren Wirkungsgrad haben und bis zu einem Viertel weniger Sprit verbrauchen.

Zulieferer Behr rechnet damit, 2007 die ersten Modelle auf den Markt bringen zu können. Die Hersteller tun gut daran, sich mit der Entwicklung alternativer Kältemittel zu beeilen. Denn die Europäische Kommission arbeitet bereits an einem Vertragsentwurf, nach dem von 2008 an die Mittel mit hohem Treibhauspotenzial durch umweltfreundlichere ersetzt werden sollen. Zwar soll es Übergangsfristen geben, aber nach 2012, so die Pläne, dürfen dann keine klimaschädlichen Klimaanlagen mehr verkauft werden.