DIE ZEIT: Señor Edwards, wie kaum ein anderer chilenischer Schriftsteller sind Sie als Sekretär und enger Freund Pablo Nerudas mit den Verwerfungen in Ihrem Land, aber auch mit der Realität des kommunistischen Kubas konfrontiert worden. Was sind Ihre Erinnerungen an den 11. September 1973, als General Pinochet in einem blutigen Putsch zur Macht gelangte? Zur Sonne, zur Freiheit: Kubas Staatspräsident Fidel Castro besucht Salvador Allende, 1971

Jorge Edwards: Ich war damals chilenischer Botschaftsrat in Paris. Mein unmittelbarer Vorgesetzter war Pablo Neruda, der sich wegen einer schweren Erkrankung jedoch gerade in der Heimat aufhielt. Nur wenige Tage nach Pinochets Putsch starb er in seinem Haus auf der Isla Negra. Ich selbst war in der Zeit in einem kleinen Dorf südlich Barcelonas, wo ich mich mit Carlos Barral traf, dem seinerzeit wichtigsten spanischen Verleger, der auch meine Bücher herausbrachte. Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern. Plötzlich stürzt meine Enkelin ins Zimmer und ruft: „Sie bombardieren die Moneda!“ Damit hatte selbst ich nicht gerechnet – Bomben auf den Amtssitz von Präsident Allende! Wenig später kam noch Mario Vargas Llosa dazu, und alle saßen wir entsetzt vor dem Fernseher. In diesem Moment wusste ich, dass die Demokratie in Chile für eine lange, sehr lange Zeit verloren sein würde; was wir da sahen, war weder ein Zufall noch eine Episode. Die Assoziation, die mir damals kam, war die zum Spanien der dreißiger Jahre – inklusive eines Frankismus, der dann jahrzehntelang wie Mehltau über dem Land lag.

ZEIT: Aber in Chile hatte es zuvor keinen Bürgerkrieg gegeben.

Edwards: Vielleicht keinen offenen, aber einen verdeckten sehr wohl. Es war Allendes großes Versäumnis, den Mittelstand im Land nicht als Verbündeten gewonnen zu haben und damit zuzulassen, dass diese wichtige Bevölkerungsgruppe offen wurde für ein faschistisches Abenteuer. Leider existierte auch keine Allianz zwischen der regierenden Unidad Popular und den Christdemokraten, der großen demokratischen Oppositionspartei. Es gab zwar Verhandlungen, doch endeten diese Treffen als Fiasko. Als die Christdemokraten die Gespräche für gescheitert erklärten, wirkte dies wie grünes Licht für jene Kräfte in der Armee, die sich auf einen Staatsstreich vorbereiteten. Damit war das Schicksal der Allende-Regierung besiegelt.

ZEIT: Welche Rolle spielten damals die kubanischen und sowjetischen Berater?

Edwards: Bis heute wird der Einfluss Moskaus auf Allende überschätzt – wie umgekehrt der Einfluss Washingtons auf die Putschisten. Nein, da hilft alles nichts: Das Dilemma war hausgemacht. Wobei Kuba natürlich tatkräftig die extreme Linke innerhalb und außerhalb der Sozialistischen Partei unterstützte. Diese oft auch paramilitärisch bewaffneten Gruppierungen taten alles, um sich den Mittelstand zum Feind zu machen und beispielsweise die Nationalisierungen und Landreformen, die nur die Oligarchie betreffen sollten, maßlos auszuweiten. Einen schlimmeren Bärendienst hätte man dem eigentlich doch luziden Prädidenten Allende nicht erweisen können. Ich glaube nicht, dass bei diesem Spiel auch die Sowjetunion mitmischte. Im Gegenteil: Die absolut moskauhörige KP, die mit in der Koalitionsregierung saß, war strikt gegen diese Aktionen und verfocht einen eher moderaten Kurs. Clodario Blest, der legendär gewordene Gründer der chilenischen Arbeitervertretung, hatte es offen ausgesprochen. „Hört sofort mit dieser selbstmörderischen Politik auf!“ Der Präsident konnte nur resigniert schweigen, denn ihm war die Kontrolle über die Linksaußen-Aktivisten längst entglitten. Anstatt Gerechtigkeit zu schaffen, gelang es diesen Leuten, das Land in atemberaubender Schnelligkeit herunterzuwirtschaften. Endlose Autoschlangen vor den Tankstellen, leere Metzgerläden in der Hauptstadt, selbst Mangel an so etwas Banalem wie Zahnpasta: eine Alltagsmisere nach der anderen und ein Dilettantismus, der es mit geradezu lehrbuchhafter Konsequenz fertig brachte, auch viele der so genannten kleinen Leute gegen die Regierung aufzubringen.