DIE ZEIT-Schülerbibliothek (44) An einem Herbstmorgen 1937
Sirenen heulen durch den dicken Herbstnebel im Rheintal zwischen Worms und Mainz. Schon rasen Polizei-Autos über die Landstraßen, riegeln SA-Posten die Kreuzungen ab, schieben Posten der SS auf den Brücken Wache. „Etwas ganz Verrücktes muß passiert sein“, flüstern sich die Arbeiter aus den Taunus-Dörfern zu, die zur Frühschicht in die Farbwerke Höchst radeln. „Etwas liegt in der Luft“ – spüren alle in der Gegend. Und es gelingt der Autorin, die in Mainz geboren und in der rheinhessischen Landschaft aufgewachsen ist, noch ehe der Leser weiß, was „passiert“ ist, ihn in die Unruhe, die Angst der Menschen an diesem Herbstmorgen des Jahres 1937 zu versetzen.
Unglaubliches ist passiert: Sieben Häftlingen ist die Flucht aus dem KZ Osthofen bei Worms geglückt. Manche erschrecken, fürchten neue Verhaftungen; viele leben so weiter wie bisher; einige erkennen einander an den winzigen, plötzlich glänzenden „Pünktchen“ in den Augen des Gegenübers (einem häufig wiederkehrenden Bild). „Ein entkommener Flüchtling, das ist immer etwas, das wühlt immer auf. Das ist immer ein Zweifel an ihrer Allmacht. Eine Bresche.“
So kommt sogar der Lagerkommandant nicht umhin zu denken, der sich geschworen hat, die sieben Männer innerhalb von sieben Tagen wieder zu fangen – und vergebens auf den Letzten wartet: „Er fühlte, daß er nicht hinter einem einzelnen her war, dessen Züge er kannte, dessen Kraft erschöpfbar war, sondern einer gesichtslosen, unabschätzbaren Macht.“
Der Mann, der die ihm Ausgelieferten, wie es die Lügen-Propaganda seiner NSDAP will, „Schutzhäftlinge“ nennt, sie aber von seinen SAPrügelknechten – auch bis zum Tod – zusammenschlagen lässt, befiehlt, die sieben Platanen im Lager zu fällen. Sie sollen auf dem „Tanzplatz“ genannten Appell-Hof eingegraben werden – mit jeweils einem „Querbrett in Schulterhöhe“, sodass sie „von weitem sieben Kreuzen glichen“. Dort will er die Entflohenen demütigen, töten. Dass er, nahe dem Kaiserdom Worms im christlichen Abendland, Menschen nicht erniedrigt, sondern erhöht, wenn er sie vor das Märtyrer-Mal eines als „Erlöser“ verehrten Gekreuzigten stellt, kommt ihm nicht in den dumpfen Schädel.
Dabei erzählt die 1900 als Netty Relling, Tochter eines Mainzer Antiquitätenhändlers geborene Anna Seghers ihren Roman gerade in der Landschaft ihrer germanisch-römisch-christlichen Heimat am Rhein, an einem, wie sie sagt, „Kreuzweg der Geschichte und von alters her Schlachtfeld“. Ein Landsmann, in der Uniform der amerikanischen Armee, schreibt der Autorin 1945: „Als wir bei Mainz über den Rhein fuhren, habe ich den Helm abgenommen, Dir und den Freunden vom ,Siebten Kreuz‘ zu Ehren.“ Damals konnte niemand in Deutschland das Buch kennen, das 1942 in den USA erschienen ist, auch in einer Ausgabe (und als Comicstrip) für die Soldaten, die Deutschland befreien sollten.
Wie es zuging in Deutschland, vier Jahre nachdem Hitlers Mörderbande sich die Macht erschlichen hatte, das kann man in diesem Roman lernen. Ein Häftling wird gleich geschnappt, ein anderer stirbt auf der Flucht, einer unterwegs im Heimatdorf, einer stellt sich selber – nur einer kommt durch, der Mechaniker Georg Heisler. Sein Fluchtweg, sieben Tage und Nächte lang, zwischen Mainz und Frankfurt am Main, von alten Freunden verstoßen, von fremden Menschen aufgenommen und über die Grenze nach Holland gebracht, wird zu einem großen Panorama der deutschen Gesellschaft 1937, quer durch alle Schichten der Bevölkerung – Meisterleistung einer Erzählerin, die selbst im Exil in Mexiko leben musste.
In kaum einem Buch aus jener Zeit – einem Gegenwerk zur „Blut- und-Boden-Literatur“ der Nazis – wird die Landschaft zwischen Taunus und Rhein so kräftig, lebensvoll, innig beschworen wie in diesem – schwarzen – Heimatroman. Wie lobte der aus derselben Gegend stammende Carl Zuckmayer, der auch nur im Exil überleben konnte: „Das einzige epische Werk der gesamten deutschen Exil-Literatur, in dem nicht nur mit gerechtem Zorn Partei genommen wird, sondern – aus der Ferne – ein menschlich glaubhaftes Bild des verfinsterten Deutschand gelungen ist.“
Dabei, mit der magischen Sieben, ein klar komponiertes Werk in sieben Kapiteln, mit sieben Kreuzen, sieben Fluchttagen, bis hin zu den „sieben Tellerchen“ des Märchens – alles wieder auf die sieben Tage der Schöpfung verweisend, von anderen, schönen Formen der Gliederung zu schweigen. Christa Wolf hatte schon Recht, als sie diesem Buch, das in Westdeutschland lange bekämpft wurde, 1963 nachrühmte: „Der Stoff, aus dem dieses Buch gemacht ist, ist dauerhaft und unzerstörbar, wie weniges, was es auf der Welt gibt. Er heißt: Gerechtigkeit.“
- Datum 11.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.09.2003 Nr.38
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