Wenn man 15 ist, finden das wahre Leben und die große Liebe immer anderswo statt. Dann scheint einem alles zu klein und zu eng. Weil der Körper seine kindliche Hülle abstreift und 15 zu sein so irgendwie dazwischen ist. Weil die Kleinstadt öde und langweilig ist. Sie riecht nicht mal, wie Städte riechen sollten, nach Gummi und Staub und Neon, nach echtem Leben. Der Song zur Sehnsucht kommt von Björk: " This small town hasn’t got room for my big feelings " , singt sie. Der perfekte Soundtrack, wenn Miriam mal wieder draußen auf dem Balkon oder auf dem Hügel vor der Stadt steht und voller Wehmut in den Nachthimmel starrt.

Die Rettung wartet nicht in der Ferne, sondern im Klassenzimmer. Denn in der ersten Reihe hat Laura aus Köln Platz genommen, sitzen geblieben und neu in der Klasse wie Miriam. Und wieder ist es ein Song, der den passenden Text liefert: Ash mit The Girl From Mars, wie maßgeschneidert für das Mädchen mit den grünen Augen, "Ich kann nicht wegschauen, und sie schaut mich einfach nur an, einfach so…" Es ist der Beginn einer schönen, letztlich unerfüllten Liebe, ein Modell beinahe, wie Liebesgeschichten erzählt werden können.

Das Jugendbuch hat sich nur allzu oft als resistent erwiesen gegenüber aktuellen Strömungen wie Popliteratur, dümpelt stattdessen in den Niederungen des hobbypsychologischen Romans. Umso erstaunlicher ist dieses Buch, das sich zwischen medialen Zitaten – vornehmlich aus der Musik – und neuer Innerlichkeit sicher durch die stilistischen Spielarten bewegt, wenn es denn dem Lauf der Geschichte dient und mehr bedeutet als nur schillernde Oberfläche und ein Abbild der Szenesprache. Erfreulich auch, dass Marsmädchen das Debüt einer Autorin Ende zwanzig ist, das unaufdringlich Tiefe mit präzise durchkomponierten Details verbindet und sich dialogsicher bewegt. Da greifen Gedanken und Rede fließend ineinander, das Äußere und das Innere. Vielleicht zeigt sich hier die Erfahrung der Autorin mit Arbeiten für Theater und Fernsehen, die ihr das nötige Handwerkszeug vermittelten. Und wie nebenbei gelingt ihr eine frische Bildhaftigkeit, die die Education sentimentale Miriams einfängt.

Langsam verändern sich die Gewichte zwischen Miriam, Laura und deren "Nur-ein-Freund-Philip", die Beziehungen zu ihren besten Freundinnen Ines und Suse wie zu ihrem älteren Bruder Dennis. Je stärker sich Miriam ihres Gefühls für Laura bewusst wird, desto mehr verheimlicht sie es. Alles hat sich gedreht, "mit fünfzehn ist es schön, mit fünfzehn sitze ich im Winter an irgendeiner Straße, und Laura dreht uns Zigaretten im Licht einer Telefonzelle". Die flüchtigen Berührungen, der flüchtige Kuss: Sind sie mehr als nur Vertrautheit zwischen Freundinnen? Doch wo Liebe anfängt, hat Freundschaft kaum mehr Platz. Eine traurige Erkenntnis, die nach einer gemeinsamen Nacht das Ende vom Anfang bedeutet. Plötzlich ist Laura wieder verschwunden, weg aus der Stadt, zurück nach Köln zu ihrem Vater. Die kleine Stadt hat keinen Platz für große Gefühle. Philip und Miriam bleiben zurück an der Bar der Disko, noch einmal läuft der Song von Ash im Hintergrund, dann stehen die beiden vor der Tür und atmen den nahenden Sommer.

Wer wen liebt, bleibt offen, und das ist gut so. Denn einerseits ist Laura The Girl From Mars, andererseits weiß der kundige Sachbuchleser auch: Männer sind vom Mars. Frauen von der Venus. Wenn am Ende Miriam und Philip vergeblich auf Laura warten, dann liegt darin auch die Andeutung, dass das Leben und die Liebe wieder einen Platz finden in der engen Stadt.

Marsmädchen wirkt wie ein Ausrufezeichen in der Jugendliteratur. Weil es stilistisch etwas wagt, ohne sich in Manierismen zu verlieren. Weil es mit viel Gespür und überzeugenden literarischen Mitteln vom labilen Glück erzählt und auch von der Hoffnung, die die 15 möglich macht. Eine sympathisch ehrliche und wunderschöne Geschichte. Möge Mars uns noch mehr solcher Mädchen und Bücher schicken.

LUCHS 199 wurde ausgewählt von Hilde Elisabeth Menzel, Jens Thiele und Konrad Heidkamp. Radio Bremen- Funkhaus Europa stellt den Roman vor (Redaktion: Marion Gerhard). Das Gespräch ist ab Donnerstag, dem 11. September, abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de