Heinrich Gotthold Geldermann, der Hüne vom Niederrhein, breit wie sein Name, lebt seit 25 Jahren in Tansania, in Kilimatinde, einem kleinen Dorf. Als christlicher Missionar hat er sich dort niedergelassen, als Glaubenskünder und Menschenfreund. Kein blutleerer Prediger, kein Hüter der reinen Lehre, Geldermann stellt sich mitten ins afrikanische Leben: "Hier fand ich, was ich suchte, das Leben war stark, ursprünglich und übersichtlich, und er, der mich geschickt hatte, war immer an meiner Seite." Mal alttestamentarischer Querkopf, mal Fels im Dschungel, mal auch Sünder vor dem Herrn, ein Hemingway mit Bibel und Gesangbuch: Die Leute von Kilimatinde lernen, ihn zu nehmen und zu lieben. Aber jetzt windet sich der Riese verzweifelt in seiner Hütte. Er ist krank und fühlt sich von seinem Gott verlassen. Ringsum grassieren fröhlich und erfolgreich bigotte Sekten, smarte Menschenfänger mit allerlei Werbegeschenken. Heinrich Gotthold Geldermann erlebt seine Anfechtung.

1998 erschien Hermann Schulz’ Afrika-Erzählung Auf dem Strom, die Geschichte des Missionars Friedrich Ganse, der seine kranke Tochter auf dem großen Fluss ins Hospital bringt. Sein neuer Roman, der sechste, ist eine immer spannender werdende Fahrt zum Missionar Geldermann, eine Expedition in unbekanntes Terrain. Der Aufbau der Geschichte erinnert nicht wenig an Joseph Conrads Herz der Finsternis. Aber der Reisende ist hier nicht irgendwer, es ist Nikolaus Geldermann, der Sohn des Missionars. Er hat kaum noch Erinnerungen an seinen Vater. 16 Jahre ist es her, dass seine Mutter sich von Geldermann trennte, mit ihrem kleinen Sohn Afrika verließ und nach Deutschland zurückkehrte.

So beginnt die Geschichte in Deutschland, bei Nick Geldermann. Ein langjähriger Freund des Vaters, der beste, den er hat, nimmt Kontakt zu Nick auf. Irgendetwas stimme da nicht, er spüre das, der Vater brauche Hilfe, "aber wenn überhaupt jemand, muss ihm jetzt sein Sohn beistehen…" Der Mann gibt Nick einen Scheck, 6000 Euro, umarmt ihn, reißt sich los und fährt davon.

Diese Eingangspassage in Deutschland mag ein wenig irritieren, man wähnt sich in den frühen Sechzigern, liest dann aber von Computern und Euros. Gegenwart also. Unerheblich, denn Nick Geldermanns Reise nach Afrika lässt bunte Aktualitäten und westeuropäisch Zeitgemäßes hinter sich. Und mit der Annäherung an den Vater, an den sperrigen Unbekannten, legt man das Buch ohnehin kaum mehr aus der Hand. Hermann Schulz ist ein ruhiger Erzähler, und doch entstehen, weil nichts Überflüssiges stört, Intensität und Tempo. Plötzlich stehen wir mit Nick in der miefigen Hütte des Missionars. Der Mann liegt im Bett, dreht sich kaum um, sagt nur: "Ich kann jetzt nicht mit dir reden, mir geht es nicht gut. Heute Nacht, ja? Dann unterhalten wir uns. Ich wecke dich."

Wie aus Strudeln beginnt der Vater seine Geschichte zu erzählen. In die Nachtgespräche mischt sich, vage, rätselhaft, ein nachgeholtes Wunder der Vertrautheit: "Es gibt Augenblicke, da weiß man, dass man sie nicht vergisst." Da wollte er hin, der Autor Hermann Schulz, zu dieser Begegnung im Gespräch. Das Ende darf man nicht verraten – und muss es doch. Abraham entschlüsselt es für Nick: "Er konnte erst Abschied nehmen, als du gekommen bist. Darum hat er gebetet."

Vieles ist dem Leser der bisherigen Bücher vertraut, und doch liegt hier eine Überraschung. "Afrika steckt voller Geschichten", sagt Geldermann zu seinem Sohn. Und – Hermann Schulz steckt voller Geschichten.