Kunstmarkt Vergoldete Zeit
Der Handel mit Uhren floriert – und zieht sowohl Firmen wie auch Privatsammler an
Uhrensammler sind hoch motivierte Leute, die viel Geld ausgeben“, sagt der Sotheby’s-Experte Herbert van Mierlo, „aber sicher nicht, um nachzuschauen, wie spät es ist.“ Im Dezember 1999 versteigerte das Haus in New York die bisher teuerste Taschenuhr für mehr als 17 Millionen Schweizer Franken: eine um 1933 von Patek Philippe & Cie in Genf angefertigte, 18 Karat goldene Henry Graves Supercomplication. Sie steht noch heute auf Platz eins der Top Ten unter den Taschen- und Schmuckuhren, die das Genfer Spezialauktionshaus Antiquorum nebst einer Hitliste der teuersten bisher versteigerten Armbanduhren jüngst veröffentlicht hat ( ).
Im Uhrenauktionshandel wurden 2002 mehr Rekorde erzielt als je zuvor, und auch in diesem Jahr gehen die Geschäfte gut. Gespannt sieht Osvaldo Patrizzi, Präsident des 1974 gegründeten Antiquorums, dem Herbst entgegen: „Vergangenes Jahr haben wir 145 Millionen Schweizer Franken umgesetzt. Wenn es dieses Jahr 80 Millionen und damit 30 Prozent mehr sind als im Jahr 2001, können wir sehr zufrieden sein.“ Dazu kann die am 16. November aufgebotene Privatsammlung des verstorbenen Schweizer Uhrenhändlers Theodor Beyer beitragen. Der Sohn René Beyer entschloss sich zum Verkauf der rund 200 Stücke aus dem 15. bis 20. Jahrhundert, um das vom Vater gegründete Uhrenmuseum an der Zürcher Bahnhofstraße zu sichern.
Seit 1760 ist das Familienunternehmen Beyer im Uhreneinzelhandel tätig. Theodor Beyer ging in Genf bei dem Hersteller Patek Philippe in die Lehre. Er wurde Kenner, Händler und leidenschaftlicher Sammler. Aus seiner privaten Kollektion kommt neben einer Reihe von Patek-Philippe-Armbanduhren im Schätzwert zwischen 30000 und 140000 Schweizer Franken auch so manch anderes technische Wunderwerk zum Verkauf. Zu den Besonderheiten gehört eine Tischuhr aus indonesischem Holz und Gold, deren aufwändiges Schlagwerk ein obenauf platziertes kleines Planetarium mit Glocken und Hämmerchen in Bewegung setzt. Etwa 1830 baute Zacharie Raingo das auf 300 000 Schweizer Franken geschätzte, sich um die Sonne drehende Planetenmodell nach den heliozentrischen Erkenntnissen von Kopernikus.
„Wenn Spitzenstücke auftauchen, gehen die Sammler auch in schwierigeren Zeiten nicht daran vorbei. Schleppender geht es im mittleren und unteren Marktsegment“, sagt Herbert van Mierlo. Die aus dem Jahr 1705 stammende Tischuhr von Thomas Tompion zum Beispiel war einem englischen Privatsammler im Juni bei Sotheby’s 1,5 Millionen Dollar wert war. Sie ist eines von nur drei vergleichbaren Exemplaren mit einem Vierviertel-Schlagwerk unter dem kunstvoll vergoldeten, mit Schildpatt verkleideten und einer Apollo-Figur gekrönten Gehäuse.
„Der Uhrenhandel“, sagt Osvaldo Patrizzi, „ist sowohl auf der Seite der Käufer als auch der Verkäufer sehr dynamisch.“ Zwar beobachtet er auch zunehmendes Interesse am Design von Uhren sowie neue prestigeträchtige Sammlerkreise, „doch die wahren Liebhaber sind von der Technik fasziniert, da werden die höchsten Preise gezahlt“. Seit kurzem hat das Antiquorum auch Repräsentanten in Polen, Tschechien und Russland. Allerdings werden dort keine Auktionen durchgeführt, „dazu ist die Rechtslage noch zu unsicher“, so Patrizzi. Aber eine in Genf im April 2003 erfolgreich durchgeführte Themenauktion mit ausschließlich polnischen Fabrikaten und potenziellen Käufern aus dem Osten eröffnete neue Beschaffungs- und Absatzmöglichkeiten.
Noch liegen die Herbstkataloge nicht vor, doch Christie’s kündigt für die Genfer Novemberversteigerung schon einen fabrikneuen Zeitmesser an. Den 1959 bei Patek Philippe gebauten, 18 Karat rotgoldenen wasserdichten Chronografen mit der Chiffre 1463 hatte der Händler Oscar Linke in Genf einem Kunden verkauft, der ihn offensichtlich nie benutzt hat. Er liegt noch in der Originalverpackung mit Zertifikat und Etikett. Selten gerät ein solches ungetragenes Exemplar ohne Kratzer und spätere korrigierende Polituren in den Handel (Preis auf Anfrage).
Es ist nicht auszuschließen, dass die Herstellerfirma bereits ein Auge auf das Stück geworfen hat. Patek Philippe betreibt wie manch anderer Fabrikant dieser Güteklasse seit zwei Jahren ein firmeneigenes Museum und kauft bei Auktionen das eine oder andere Stück zurück, um die Sammlung vom Gründungsjahr 1839 an zu komplettieren. So zahlte das Museum für die 1926 produzierte Einzelanfertigung einer Stahlarmbanduhr mit Einknopfchronografen und vertikal angeordneten Registern satte 1,82 Millionen Schweizer Franken.
- Datum 11.09.2003 - 14:00 Uhr
- Serie kunstmarkt
- Quelle (c) DIE ZEIT 11.09.2003 Nr.38
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