Roman Sehnsuchtsort der wilden Lust
Annette Pehnt wirft in ihrem zweiten, neugierig erwarteten Roman den Anker mitten im blauen Meer
Punkt, Punkt, Komma, Strich: Was gewöhnlich gerade mal ein Mondgesicht ergibt, fügte sich ihrem Zaubergriffel zum Schattenriss eines sanftmütig-vertrackten Fremdlings im Leben, ebenbürtig dem Erzverweigerer Bartleby. Er hieß Dorst, und sein lautete „Ich muss los.“ Vor zwei Jahren ist Annette Pehnts Erzähldebüt erschienen, ein federndes Satzgeflecht ohne Fragezeichen, Gänsefüßchen, Konjunktiv: syntaktischer Spiegel einer ziel- und zweckvergessenen Hingabe an den Moment und die kindliche Hierarchielosigkeit im Staunen über die Dinge.
Dem Zauber des kleinen Sprachwunders erliegen und für die Autorin bangen war eins: Denn mit dieser poetischen Verteidigung der poetischen Existenz hatte sie sich eine hohe Messlatte gesetzt. So vollendet artistisch in seiner subversiven Naivität war Ich muss los, so zwingend aus einem Ton mit der Gemütsart des Helden, dass man gar nicht umhin konnte, alles das vom zweiten Buch noch einmal und ebenso verblüffend neu zu erwarten: die Setzung einer leise gegen die Norm verrückten Realität aus unverwechselbarer Sprachmusik.
Ist es gelungen? Konnte es gelingen? Als sich die Autorin 2002 mit der Exposition dieses Buchs in Klagenfurt präsentierte, erhielt sie prompt den Preis der Jury; beinah wäre es der Bachmann-Preis geworden. Und in der Tat: Da war, neben stilistischen Qualitäten, die man aus dem Erstling schon kannte – dem lakonischen Ton, der nüchternen Komik der Beschreibungen, der Ökonomie des Pars pro Toto – etwas Neues, eine andere Grundspannung. Nicht ein verschrobenes Individuum gab hier die Rätsel auf – es war die Wirklichkeit selbst, die, obwohl im Detail von hohem Wiedererkennungswert, immer zugleich eine Handbreit neben der Spur zu laufen schien.
Von einer, die auszieht, ihr Utopia zu finden
So wie der Held von Ich muss los als psychologisches Rätsel fasziniert und doch nur zu begreifen ist als Inkarnation eines Grundverhältnisses zum Dasein, so sind es hier ins Groteske stilisierte Kindheitsepisoden, die sich als blinde Fährten erweisen. Die Geschichte vom begabten Mädchen, das sich eine absorbierende Passion zulegt, um nicht länger für eine Streberin gehalten zu werden, und dessen verständige Eltern überglücklich sind, als ein paar Leistungen sacken, weil endlich „mein Herz für etwas“ schlug, ist Realfolklore, Köder für unsere reflexhafte Neugier auf Problempsychogramme.
Was Annette Pehnt in Klagenfurt vortrug, war, in reizvoll irritierender Mimesis an realistisches Erzählen, das Märchen von einer, die auszieht, die Insel der Seligen zu suchen, ihr Utopia, Elysium, Vaduz, und wie die Wörter alle heißen für jene namenlose Sehnsucht, die den Menschen bei seiner produktiven Unruhe hält. „Die Insel war aus Basalt und nicht durch Fährverkehr mit dem Festland verbunden, hatte keine Rohstoffe und wenig Tourismus, genau wie die dreiunddreißig anderen Inseln vor unserer Küste(…). Weil niemand ihnen jemals einen Namen gegeben hatte, waren sie numeriert, sehr selten ist das, sagte Herr Kohlhas, der Erdkundelehrer, die Menschen haben für alles einen Namen, jeder Felsen in der Antarktis heißt irgendwie.“
Dreiunddreißig Inseln und eine, auf die Pehnts namenlose Ich-Erzählerin in kühnem Flug den Sehnsuchtsanker wirft, „weil sie am weitesten weg war“. Ihre Anzahl entspricht ungefähr der aller friesischen Inseln, wenn man jeden Klecks und jede Hallig mitzählt, auch dem Alter der Autorin, als sie am Buch saß. Nun also ist es erschienen, unter dem Titel Insel 34, als Roman.
In seinem ersten Drittel, bevor die Protagonistin tatsächlich eine von ihnen betritt, erscheinen die Inseln als osmotische Orte zwischen Innen und Außen, realer Landkarte, Allegorie und zahlenmystischer Taschenspielerei. So verzeichnet sie zwar der Schulatlas, gibt es wohl Bildbände älteren Datums mit „bräunlichen, leicht verwischten Bildern“, die ein archaisch anmutendes Bauernleben, Menschen mit seltsamen Musikinstrumenten, „glattgebürstete“ Kinder „mit eckigen Köpfen“ zeigen. Doch darüber hinaus vermag die Heldin während ihrer ganzen Schulzeit nichts Gewisses in Erfahrung zu bringen. Mit Ausnahme Zankas, ihres ersten Liebhabers, der ein rechter Hallodri ist und zu wissen vorgibt, dass Nummer 34 ein wilder Lustort sei, reagieren die Menschen merkwürdig verstört auf ihre Passion. Selbst der Vater, obwohl entzückt vom Forschergeist der Tochter, redet die Inseln klein und kommt auf den seltsamen Einfall, die Familienferien an die schrottige Küste des Landes zu verlegen, weil sie von dort aus ja zu sehen seien: „Wegen mir also waren wir hier, also konnte ich die vernieselten Tage schlecht im Wintergarten zwischen den rostigen Schaukelstühlen verbringen oder im Fernsehraum auf dem rostigen Sofa.“ Aber die Inseln, wiewohl näher denn je, bleiben vier lange Wochen Schemen im Nebelmeer, längliche Flecken zwischen überbelichteten Grauschwaden.
- Datum 11.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 11.09.2003 Nr.38
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