Erinnerungen Kämpfe und Krämpfe

Fritz J. Raddatz, der ehemalige ZEIT-Feuilletonchef, rechnet mit der Redaktion und dem Verleger Gerd Bucerius ab

Der Zufall will es, dass in diesem Herbst zwei Bücher erscheinen, in denen es um die Innereien der in den Jahren 1954 bis 1994 geht. Das eine ist der Briefwechsel zwischen Gerd Bucerius und Marion Gräfin Dönhoff, dem Prinzipal und seiner Prinzipalin bei Siedler herausgegeben von Haug von Kuenheim und mir). Das andere sind die Lebenserinnerungen von Fritz J. Raddatz, dem glanzvollen Feuilletonchef des Blattes von 1977 bis 1985.

Ich überlasse es gern den Kommunikationswissenschaftlern, aus der Dönhoff-Bucerius-Korrespondenz ihre Theoreme über das Verhältnis zwischen Verlegern und ihren Redaktionen zu destillieren. Auch mögen Berufenere über die Memoiren des Literaten Raddatz und seine Einschätzung der deutschen Nachkriegsliteratur urteilen. Doch scheinen mir ein paar Worte über die boshafte, nein: bösartige Darstellung am Platze zu sein, die Raddatz der ZEIT angedeihen lässt. So viel Häme hat die Redaktion, haben zumal Bucerius, die Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt nicht verdient.

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Die Raddatz-Jahre fielen in meine Chefredakteurszeit. Ich habe seinerzeit das Anstellungsgespräch mit ihm geführt, bei dem er mir in Cölln’s Austernkeller, nach einer Überdosis von Schalentieren einer Eiweißvergiftung erliegend, quer über den Tisch spie (was der Autobiograf auch getreulich verzeichnet); ich habe zuweilen in freundschaftlicher Verzweiflung getobt und gepoltert, wenn mir sein Umgang mit den Fakten allzu freizügig vorkam; aber ich habe stets unverdrossen meine schützende Hand über den ungebärdigen, doch fantastisch und fantasievoll anregenden Inszenator des ZEIT -Kulturteils gehalten – bis es am Ende nichts mehr half, weil die Entfremdung zwischen dem „gewitterjähen“ Bucerius und seinem Feuilletonchef zu weit vorangeschritten war.

Anfangs war Bucerius begeistert von Raddatz. Ihre Beziehung war herzlich, der Verleger sparte nicht mit Lob: „Großer Journalismus!“ Aber dann gerieten sie immer öfter aneinander. Bucerius stieß sich an Raddatz-Artikeln über den Bundespräsidenten Carstens; über den linken Schriftsteller Peter Paul Zahl, der einen Polizisten schwer angeschossen hatte und sich darüber beschwerte, dass im Gefängnis das Frühstücksei nicht ordentlich abgeschreckt war; über die Nazi-Verstrickungen der deutschen Literatur; über Ernst Jünger. Dabei störte den Verleger nicht so sehr die Meinung – es störten ihn die Unterstellungen, Ungenauigkeiten und Schludrigkeiten seines Redakteurs. Sein Unmut verdichtete sich zu vehementer Abneigung. Ende November 1982 schrieb er: „Ich kann den bis zur Gewissenlosigkeit leichtfertigen Mann nicht mehr ertragen.“

Bucerius ertrug Raddatz noch weitere drei Jahre, unter anderem, weil ich zweimal den eigenen Kopf für den Feuilletonchef auf den Hackklotz legte: „Sie können sich einen Chefredakteur suchen, der Ihre Aufforderung vollzieht. Ich müßte mich mit Fassung darein schicken“ (12. Januar 1983). Aber dann schrieb Raddatz im Oktober 1985 einen Titelseitenkommentar zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse, in dem er eine angebliche Goethe-Beschreibung des früheren Messegeländes zitierte: „Man begann damals, das Gebiet hinter dem Bahnhof zu verändern.“ Ein hämisches Lachen ging durch die Republik, denn die erste deutsche Eisenbahn fuhr erst drei Jahre nach Goethes Tod. Nun schlug Bucerius zu. Eine Lappalie, die der Bucerius-Sentenz entsprach: „Nur wer nie schreibt, schreibt nie etwas Falsches.“ Aber sie reichte als Anlass zum Bruch. Ich befand mich in Japan, den Text der Meldung über die Ablösung des Feuilletonchefs schob mir ein rücksichtsvoller Hotelpage nachts unter der Zimmertür durch; als ich ihn am nächsten Morgen las, war es zu spät, die Meldung stand schon im Blatt.

Gegen Mitternacht sei ich in sein Zimmer gestürmt, schreibt Raddatz, der zweite Leitartikel sei ausgefallen. „Nur Sie können helfen. Vielleicht etwas über die Buchmesse? Sie haben zwei Stunden Zeit.“ Frei nach Radio Eriwan: Im Prinzip stimmt’s. Bloß war es nicht Mitternacht, sondern 14 Uhr. Auch war kein Leitartikel ausgefallen, vielmehr war uns verspätet aufgegangen, dass wir doch etwas über die Buchmesse haben müssten. Fritz schrieb schnell, wie immer. Er brachte mir den Text zum Gegenlesen. Ich stolperte über die Behauptung, der Ausdruck „neue Unübersichtlichkeit“ sei von Goethe: „Ich dachte, das wäre Habermas.“ Antwort: „Nein, es ist Goethe. Ich bin ganz stolz darauf, dass ich die Stelle gefunden habe.“ Was er nicht hinzusetzte, war der Ort, wo er die Stelle gefunden hatte: in einer kurz zuvor erschienenen satirischen Glosse der Neuen Zürcher Zeitung. Die Sache mit Goethe und dem Bahnhof fiel mir nicht auf. Als der Chef vom Dienst, Sohn eines Lokomotivführers und Experte für deutsche Eisenbahngeschichte, spät abends darüber stolperte, war der Autor nicht mehr zu erreichen: Er war zur Buchmesse nach Frankfurt geflogen. Das Schicksal nahm seinen Lauf.

Und nun hat Fritz J. Raddatz Rache genommen. Mich hat er geschont. Alle anderen kommen schlecht weg. Zuvörderst Bucerius („der mich und meine Arbeit verfolgte und schließlich genußvoll meinen Sturz betrieb“). Ach, Fritz: Genauso verfolgte er fast alle anderen im Blatt – lesen Sie die Korrespondenz! Der Feuilletonchef Raddatz bildete da keine Ausnahme. Kein Anlass also, der Öffentlichkeit mitzuteilen, was dem ehedem Geschassten am Sarge von Bucerius an Widerwärtigem durch den Kopf ging: „Lag er da wirklich drin? schon riechend?“

Dann Marion Dönhoff – „die ja wahrlich nicht schreiben kann“; „die nie eine kämpferisch-dezidierte Meinung vorgetragen hat“; die „Gesindepflege“ sagen durfte, wenn sie von Redakteuren sprach; mein Gott, Fritze! – das haben wir gesagt, nicht sie. Und keine „kämpferische Meinung“? Haben Sie eine Ahnung! Vollends unanständig aber wird es, wo der Memoirenschreiber Raddatz der Gräfin unterstellt, sie habe sich zu Unrecht als Widerstandskämpferin aufgeführt; schließlich habe sie auf keiner Kabinettsliste gestanden und komme auch in Peter Hofmanns grundlegendem Werk über die Opposition gegen Hitler nicht vor. Das wäre so, als wollte man ihm, der sich rühmt, er habe als 20-Jähriger geweint und Steine geworfen, als am 17. Juni 1953 die Russenpanzer kamen, entgegenhalten, dass er merkwürdigerweise auf keinem einzigen der zeitgenössischen Filmdokumente auftaucht.

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